| Von Kasachstan nach Russland per Bahn |
(Südrussland/Kasachstan) Der Reisebuchautor Jan Balster fuhr mit der Bahn von Taschkent in Usbekistan über Kasachstan nach Samara an der Wolga in Russland. Unser kleiner Auszug seines Reisereports befasst sich mit seinem Grenzübertritt aus Kasachstan nach Russland - wie so oft in Osteuropa und Zentralasien ein Abenteuer für sich.
Sechs Uhr morgens. Auf dem Bahnsteig von Jaysan tummeln sich die Grenzsoldaten. Kommandieren, aufmarschieren, dirigieren. Keiner weiß, was zu tun ist, aber alle tun, als ob es zu tun wäre. Taschen werden durchwühlt, Unordnung hergestellt. „Sehen Sie zu, wie Sie Ihre Sachen wieder einräumen, aber machen sie schnell, und klemmen sie sich den Rest unter ihren Arm”, hören wir: „Der Nächste bitte, schnell, dawaitje!” Und alles wird überwacht. Dann sind wir an der Reihe. Zuerst ein Polizist in Zivil: „Passport bitte.” Will er nur wissen, aus welchem Land wir sind? Ist es seine Art, Neugier zu zeigen? Eine Frage nach dem „Wohin” und
„Woher” hätten wir ihm sicher freudig beantwortet. Später fällt er uns im Nachbarabteil auf. Seit Taschkent ist er mit uns gereist. Ein Polizist der russischen Polizei, dem wir in Kasachstan gar nicht auskunftspflichtig sind.
Alles harmlos. Diesmal haben sie es nicht auf unsere Gepäckstücke abgesehen. Nein, auf unsere Pässe. Zwei männliche Grenzer kontrollieren sie zuerst. Ein Stempel ist falsch. Sie holen eine Grenzerin hinzu: „Darf er einreisen?” Apathisch sagt sie: „Njet, das Visum ist geschlossen.“
„Aber er sitzt hier im Zug!“
Die Grenzerin tönt vom Gang, wird ausfallend. Ihre Kollegen sehen das alles nicht so eng, lächeln uns zu und schlagen ihr vor, in Moskau anzurufen. Wir werden aus dem Zug geführt. Igor verschließt sofort das Abteil: „Ich passe auf.”
Von Zollbeamten begleitet, werden wir zum Gebäude gegenüber geführt. Noch immer kollabiert die Grenzerin: „Der Stempel hier sagt aus, dass Sie schon wieder aus Russland ausgereist sind. Ihr Visum ist zu.“
„Wir wissen doch nicht, wo die Stempel hin müssen.”
„Das Visum ist geschlossen.“
„Ich habe den Stempel doch nicht dort hingedrückt.” Wieder nimmt uns ein Grenzer in Schutz: „Erst einmal hinsetzen, wir telefonieren.” Da sitzen wir nun mit unserer Nervosität und unserer Unschuldigkeit. Es herrscht betriebsame Geschäftigkeit in den Zimmern nebenan. Wieder wird kontrolliert, organisiert und diskutiert. Pässe werden gedreht, mal auf den Kopf, mal seitwärts, mal richtig herum. Und in 20 Minuten fährt unser Zug. Die Nummer ins Telefon gedrückt: „Hallo, Scheremetjewo!”, ruft es. Das Faxgerät läuft heiß. „Wir können nichts lesen”, sagt der Grenzer. Türen schlagen, Polizistinnen wechseln die Zimmer und halten die Männer auf Trab. „Dawaitje, poschalusta, der Zug fährt gleich.” Endlich, die Pässe, noch zwei Minuten bis zur Abfahrt. Stempel rotieren, Kugelschreiber notieren und signieren.
Türen schlagen, und wir sind im Zug, doch er fährt nicht ab. Lenin blinkt vom Denkmal gegenüber, Soldaten stehen herum, so zur Zier, mag man meinen. Zwei Männer schleppen ihr Gepäck aus einem Waggon am Ende des Zuges. Ist ihre Fahrt zu Ende? Müssen sie zurück, woher sie kamen? Die beiden Usbeken nach Taschkent. „Falscher Zug”, erklärt uns Igor. Das Abfahrtssignal ertönt, und langsam kommt der Zug in Fahrt. Er passiert Flüsse, kahles Land und die bewaldeten Ausläufer des Uralgebirges. Verarmte Stationen, auf denen die Einwohner nahe gelegener Dörfer ihre Waren den kurzzeitig aussteigenden Reisenden feilbieten, säumen den Schienenstrang. Und bald tauchen die ersten Erdgasfördertürme am Horizont auf. Samara ist nah.
(c) dieses Reisereports Jan Balster, hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors. Keine unerlaubte Verfielfältigung oder Verbreitung; der vollständige Report der Reise von Taschkent nach Samara findet sich hier bei der Deutschen Allgemeinen Zeitung und bei der Moskauer Deutschen Zeitung
Weblinks:
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- Buchtipp: Jan Balster: Zu Fuß von Dresden nach Dublin - 3100 km ohne Geld durch Europa - hier klicken
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