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| Von Baschkortostan zur Straße des Todes |
Nach drei Tagen der Ruhe in Sol-Iljetsk bei nahen Verwandten brachen meine Frau und ich wieder auf und schlugen den Weg zurück nach Orenburg ein. Von dort sollte eine Zwischen-Tagesreise nordwärts quer durch den Ural in dessen Zentrum führen, wo weitere Verwandtschaft auf einen Besuch wartete. In Orenburg lasen wir eine mitreisewillige Studentin auf, die eine Bekannte meiner Frau von ihrer Zeit an der Universität Orenburg war und besuchten Brigitte in ihrer Wohnung, die jedoch leider gerade abwesend beim Fahrkartenkauf am Bahnhof war.
So verließen wir Orenburg also schnell wieder und wandten uns zur Ausfallstraße nach Norden zu, die nach Baschkortostan führte. Baschkortostan ist eine Republik innerhalb der russischen Föderation. Solche Republiken, die auch nach dem Zerfall der Sowjetunion zu Russland gehören, gibt es vom Westen unbeachtet (außer natürlich Tschetschenien) eine ganze Menge, vor allem zwischen Wolga und Ural. Im Gegensatz zu den Tschetschenen gibt es jedoch in den anderen keine Rebellion gegen die Zugehörigkeit zur Russischen Föderation. Die Sprache der einheimischen Urbevölkerung - im Falle Baschkortostans Baschkiri - und das Russische sind gleichberechtigt. Für ungeübte westliche Augen ist dies jedoch fast nicht zu bemerken, baschikirische Schriftzeichen ähneln den kyrillischen sehr. Zu bemerken sind jedoch von Regionalpatriotismus strotzende und oft monumentale baschkirische Denkmäler und die allgegenwärtigen Nationalsymbole und -farben.
Die Strecke nach Ufa war von Anfang an gebirgig, auch wenn sie twa hundert Kilometer vom Ural-Hauptkamm, der parallel im Osten verlief, entfernt liegt. Die Landschaft wechselte sehr kurz hinter Ufa, Bewaldung wurde häufiger und der Eindruck der Umgebung glich wieder mehr mitteleuropäischen Gewohnheiten irgendwo an der Mittelgebirgsschwelle.
Ufa umfuhren wir großräumig. Ich hatte es auf einer früheren Reise bereits kennengelernt. Es ist auf der einen Seite eine typisch russische Metropole rund um die eine Million Einwohner, mit einem kleinen Flughafen, Hinterlassenschaften der Sowjetära und architektonischen modern wirkenden Zeugnissen des neuen Russlands. Auf der anderen Seite finden sich auch immer wieder Hinweise auf den Sonderstatus der Hauptstadt einer eigenständigen Republik mit mächtigen Regierungsgebäuden und Denkmälern, die mich manche Male an Gegenstücke in Kiew oder Sankt Petersburg erinnerten. Dieser Eindruck war jedoch durch die Bevölkerung der Stadt gegenüber dem russischen Charakter der Schwächere. Auf der Straße waren nämlich mitten in der Hauptstadt dieser von einer nichtrussischen Mehrheit bewohnten Republik russisch wirkende Gesichter weit in der Überzahl und in der Tat wird die Hauptstadt Baschkortostans von mehr Russen als Baschkiren bewohnt. Auch die "russische Alanis Morrissette", Zemfira, eine in der Föderation außerordentlich bekannte Rocksängerin, stammt aus Ufa und ist Teil dieser russischen Minderheit, die in der Hauptstadt in der Überzahl gegenüber den ´Eingeborenen´ ist.
Hinter Ufa bogen wir dann entgültig in den Ural ab und fuhren auf der Autobahn M5 auf den Ural zu. Bis zu 1600 Meter maßen hier die höchsten Gipfel dieses ältesten Gebirges der Welt und eine dünne Besiedlung geben einem oft das Gefühl, unterwegs zu sein in den bayerischen Voralpen zu einer Zeit, als diese noch wenig erschlossen und sehr dünn besiedelt waren.
Den Eindruck einer Reise in alter Zeit vermittelte leider jedoch nicht nur die Landschaft, sondern auch der Zustand der Autobahn. Schon sehr bald hinter Ufa wurde die Strecke zweispurig, vergleichbar einer deutschen Nebenstraße und keine hundert Kilometer weiter begann die schlimmste Schlaglochtortur, die wir in 9000 km Osteuropa auf dieser Reise überhaupt mitmachten. Riesegroß und fast metertief waren die Löcher in der Fahrbahndecke und so zahlreich, dass ein Ausweichen eines solchen Loches meist mitten in ein anderes führte. Selbst die hartgesottenen einheimischen Fahrer im Ural fuhren Schlangenlinien, denn viele der Löcher im Boden waren groß genug, jedem auf dem Markt befindlichen Stoßdämpfer den Garaus zu machen. Der Weg über Serpentinen und vorbei an tiefen Schluchten war oft wenig befestigt und erst einen Tag vor unserer hiesigen Tour über den Ural war ein vollbesetzter Reisebus mit 42 Menschen darin ohne Überlebende in den Tod gerast. Kein Wunder also, dass die hier ansässigen Russen, wie wir später erfuhren, diese Strecke die Straße des Todes nannten. Der Zustand der Straße war insbesondere eine Zumutung, wenn man sich überlegte, dass es die Hauptverbindungsstraße zwischen Moskau und Nowosibirsk war und der einzige befestigte Uralübergang in einem Umkreis von mehreren hundert Kilometern.
Die Nacht brach herein, wie wir so über den Straßensieb dahinrumpelten und wir fieberten durchgeschüttelt dem Ende dieser Strecke entgegen. Da begegneten uns, überhaupt erst zum zweiten mal seit dem Überschreiten der russischen Grenze und das erste mal seit dem über 1000 km entfernten Wolgatal ein Auto mit deutschem Kennzeichen - und es waren gleich drei Autos auf einmal, alles Kleintransporter wie unserer. Die Nummernschilder waren etwa provisorisch aussehende Saisonkennzeichen und die Fahrer wirkten nicht im mindesten deutsch. Wir vermuteten, dass sie die Fahrzeuge aus Deutschland importiert hatten und nun zu irgend einer Großmetropole im Westen Sibiriens brachten, um sie dort zu Geld zu machen. In Russland ist der Import ausländischer Fahrzeuge für russische Staatsbürger auch ohne Gewerbeschein erlaubt.
Überhaupt begegneten uns jenseits von der polnisch-ukrainischen Grenze nur sehr wenige und jenseits von Kiew überhaupt keine Autos mit westlichem Nummernschild mehr, die auch von aus dem Westen stammenden Fahrern gelenkt wurden. Östlich von Kiew gab es auf den Straßen nur Kennzeichen aus GUS-Staaten, eine halbe Handvoll Polen und hie und da ein von einem Russen gelenkten Auto mit deutschem Nummernschild, frisch importiert oder ein Reisebus der von Russen und Spätaussiedlern benutzten deutsch-russischen Linienbusse, die alle Metropolen bis zum Ural mit deutschen Großstädten verbanden. Autos mit westlichen Kennzeichen eines anderen Staates als Deutschland scheint es in der Ukraine und Russland überhaupt nicht zu geben. Wer also eine Gegend ohne westliche Touristen sucht, wird innerhalb Europas keine 800 km entfernt von der deutschen Ostgrenze, problemlos fündig.
Nach zwei Stunden Horrorpiste kamen wir dann doch noch an unserem Reiseziel an: Ust-Katav, einer Kleinstadt im Ural, ein wenig abseits von der M5. Ust-Katav liegt sehr idyllisch inmitten des bewaldeten Uralberglands und besteht aus einer nostalgisch anmutenden Altstadt im Tal des Flusses Katav, der hier durch einen Damm zum See aufgestaut ist und einem jenseits eines Hügels liegenden neuen Stadtteils, der aus niedrigen Wohnblöcken im Sowjetstil besteht. Die Altstadt ist eine von westlichen Touristenströmen unentdeckte Perle mit Blockbohlenhäusern im Uralstil, gebaut am Hang über den sich herrlich in die Landschaft einfügenden Stausee. Von den Hängen hat man einen atemberaubenden Blick über das Bergland, die Stadt und den See, wie ihn Postkarten der berühmtesten westlichen Touristenorte nicht bieten können, nur dass es von hier gar keine solchen Postkarten gibt. Es ist ein Glück für die Stadt, dass der genannte Hügel den Blick hier auf den neueren und ziemlich hässlichen neuen Stadtteil versperrt.
Doch uns stand nach vielen Stunden der Fahrt und mitten in der Nacht nicht der Sinn nach Sightseeing. Abgekämpft und durchgeschüttelt wie noch nie zuvor fielen wir ins Bett.
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