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Von der Wolga zum Ural

Am nächsten Morgen fuhren wir bereits sehr früh wieder los. Samara, die zweite Millionenstadt auf unserer Reise nach Kiew, umfuhren wir großräumig, was nicht verhindern konnte, dass wir dort erneut in zwei mehr oder weniger nervende Polizeikontrollen gerieten. Angesichts unseres deutschen Nummernschildes ernteten wir hier, 3500 Kilometer nach unserem Aufbruch, erstmals offenes Erstaunen bei der kontrollierenden Miliz.

Samara hatte ich bereits auf einer zuvorigen Reise kennengelernt. Die Stadt wirkte an den Hauptstraßen herausgeputzt - modernistische Bauten und Anbauten der 90er versuchten den sonst in Russland allgegenwärtigen Mief der kommunistischen Einheitsarchitektur mit Protz und knalligen Farben zu übertünchen. Samara war mit etwa 1,2 Millionen Einwohnern die fünftgrößte Stadt Russlands und von der Größe etwa vergleichbar mit München. Es schlängelt sich über 70 km am Strand der Wolga entlang und ist bekannt für wohl den längsten Stadt-Flußstrand der Welt, an dem sich Herumflanieren in den Abendstunden wirklich lohnt.

Schließlich fanden wir auf dem Samara umgebenden Autobahnring die Ausfallstraße Richtung Orenburg. Zu Beginn noch eine fast vollwertige Autobahn, wurde sie, wie so oft bei russischen Metropolen, etwa 100 km hinter der Stadt zu einer gewöhnlichen Landstraße und schließlich zu einer ziemlich schlechten. Die Straßenführung und die Beschilderung wurden immer unübersichtlicher und so dauerte es nicht lang, bis wir uns verfuhren. Wir merkten es jedoch zum Glück recht bald an der Überquerung des Flusses Samara - die auf der richtigen Route hätte viel später stattfinden müssen - und schlugen einen schnellen Haken in Richtung Busuluk, das eine mittelgroße, unscheinbare Stadt zwischen Samara und Orenburg darstellte. Kurz vor Busuluk erreichten wir dann endlich auch die Grenze der Orenburg Region, das Ende unseres Reiseabschnitts war nah.

Mitten in unserer Wegsuche zurück auf die Hauptstraße nach Orenburg überholte uns ein anderer VW Bus mit Usbekischem Kennzeichen. Der etwas älter wirkende Fahrer streckte seinen Arm heraus und winkte uns, langsamer werdend, hinter ihm anzuhalten. Mit einem breiten Grinsen zeigte er uns eine Reihe von Goldzähnen in seinem Mund. Ich kontrollierte alle Warnleuchten meines Cockpits, nichts war zu sehen. Auch der Busmotor dröhnte unauffällig vor sich hin. Instinktiv fasste ich einen Entschluss, schaltete in einen kleinen Gang, setzte den Blinker und donnerte mit Vollgas am Usbekischen Volkswagen vorbei. Im Rückspiegel sah ich, wie der Usbekistan-Bus kleiner wurde und schließlich aus unserer Sichtweite verschwand. Ein kurzer Blick zu Brigitte sagte mir, dass auch sie in dieser Situation einverstanden gewesen war, trotz gegenteiliger Zeichen nicht zu halten. Später erfuhren wir, das von erfahrerenen Reisenden in Russland auch empfohlen wurde, solche Winkzeichen zu ignorieren, da sie auch von Kriminellen benutzt würden.

Ab Busuluk, der wichtigsten Stadt im Westen der Orenburg-Region, waren wir dann endlich wieder richtig und brausten auf der Gebietshauptstraße nach Orenburg dahin. 4000 Straßenkilometer und 3000 km Luftlinie trennten uns mittlerweile von zu Hause. Die Landschaft draußen wurde mehr und mehr hügelig - die Ausläufer des Urals machten sich bereits bemerkbar. Ölförderanlagen standen immer wieder in der welligen Grassteppe herum. Wald gab es kaum noch und die waldlosen und immer höheren Grashügel um uns gaben für einen Mitteleuropäer, der nur bewaldete oder felsige Berge von daheim kennt, ein fremdartiges Bild ab.

Der Ortseingang von Orenburg machte sich schon von weitem bemerkbar. Die Landschaft wurde besiedelter und wir passierten eine riesige Erdöl-Industrieanlage vor den Toren der Stadt. Doch es dauerte noch eine ganze Weile, bis wir den in Russland obligatorischen Stadteinfahrt-Polizeikontrollpunkt erreichten. Er wurde hier von leicht paramilitärisch aussehenden Zivilpolizisten besetzt.

Innerhalb Orenburg herrschte - wie in allen russischen Städten ab etwa 500.000 Einwohnern - völliges Verkehrschaos. Zum Glück war ich schon zweimal in der Stadt gewesen und kannte mich einigermaßen aus. Dennoch war es nicht immer leicht, den richtigen Weg zur rechten Zeit zu finden. Orenburg ist eine typische russische Gebietshauptstadt und vor allem Industrieanlagen - hier werden insbesondere Nahrungsmittel industriell hergestellt - prägen das Stadtbild, wobei es jedoch auch schöne Fleckchen, wie die spätbyzantinische Kathedrale oder die aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammende und gerade in Renovierung befindliche Altstadt am Fluss zu besichtigen gibt. In Orenburg und im benachbarten Sol-Iljetsk leben auch viele Russlanddeutsche und so trifft man in der Stadt auch immer wieder Leute aus Deutschland, die mit Bus, Bahn oder Flugzeug hierher gekommen sind, um in Russland oder Kasachstan gebliebene Verwandte zu besuchen. Mögen einem Spätaussiedler in Deutschland auch manchmal recht russisch vorkommen, bemerkt man doch hier, wie sehr sie sich von Kleidung und Auftreten in eine deutsche Richtung entwickelt haben.

An einer teilweise sechsspurigen Hauptstraße gelegen, erreichte ich die aktuelle Bleibe meiner Frau dennoch recht rasch. Sie hatte sich in der Tat schon sehr große Sorgen gemacht und wir beide waren überglücklich, uns endlich wieder in die Arme schließen zu können. Ich lud sie mit ihren Habseeligkeiten ins Auto und zusammen fuhren wir Brigitte zu einer Wohnung, die sie mit unserer Hilfe für die kommende Woche gemietet hatte. Hier würden sich unsere Wege trennen, da sie zunächst in Orenburg blieb, um dann nach Moskau und Sankt Petersburg weiterzufahren, während wir noch ein Stückchen weiter in eine kleine Stadt namens Sol-Iljetsk mussten, wo wir die nächsten Tage erholsam verbringen wollten.

Auf dem Weg nach Sol-Iljetsk passierten wir dann auch den Ural-Fluss, der hier die Grenze zwischen Europa und Asien darstellte. Verglichen mit Wolga und Dnejpr war er hier, nicht allzu weit nach seinem Ursprung in den Uralbergen nördlich von hier, kein allzu imposanter Anblick und von seiner Größe in etwa mit dem oberen Rhein vergleichbar. Orenburg lag zum größten Teil auf der europäischen Flussseite, nur ein Stadtteil und ein paar Datscha-Siedlungen lagen bereits auf asiatischem Boden.

Die Reise nach Sol-Iljetsk ist von Orenburg aus weitgehend ereignislos. Wellige und leere Grassteppe bestimmt das Landschaftsbild. Nur hin und wieder gibt es ein paar Datschas, Bäume oder ein kleines Dorf auf dem Weg zu sehen. Der Verkehr ist nicht allzu dicht, wobei ein guter Teil der Autos bereits aus Kasachstan stammt, da sich etwa 30 km hinter Sol-Iljetsk bereits die kasachsiche Grenze befindet und auch ein kleiner, eher regional geprägter Grenzübergang.

Sol-Iljetsk ist eine Kleinstadt, die vor allem durch zwei Einrichtungen auch über die Grenzen der Orenburg-Region hinaus Bekanntheit im gesamten Uralraum genießt. Zum einen ist das der "Schwarze Delphin". Was ein wenig klingt, wie ein aquanautisches Feriendomizil ist die einzige Stafanstalt in Russland, in der ausschließlich lebenslänglich-Häftlinge schmoren. An schwarze Delphine erinnert hierbei nur der Eingangsbereich, den in der Tat eine sehr große und sehr schwarze Delphinstatue ziert. Warum, konnten mir auch Einheimische nicht erzählen.

Die zweite Attraktion der Stadt könnte gegensätzlicher nicht sein: Es ist ein Ferienziel, vor allem für Kurtouristen: Der Salionka - ein Salzsee, dessen Salzgehalt so hoch ist, dass man ähnlich wie im Toten Meer in Israel beim schwimmen nicht untergehen kann, da das spezifische Gewicht des Wassers zu hoch ist. Rund um den See stehen in der Feriensaison zahlreiche Zelte - im Ort gibt es nur ein leicht baufälliges Hotel, einen großen Kinderspielplatz, zwei weitere (Süßwasser-)Seen und eine Stranddisco, die das einzige Tanzlokal überhaupt in der Gegend zwischen dem Ural-Fluß und Kasachstan ist. Die Touristen stammen vorwiegend aus einem Umkreis von etwa 600-800 km, aber auch Gäste aus Moskau und sogar dem Ausland sollen in Sol-Iljetsk schon gesichtet worden sein.

(weiter geht es HIER und zur Übersicht der Uralfahrt HIER)

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