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Woronesch ist eine der größten Gebietshauptstädte in Südrussland. Außerdem ist es verdammt schwer, dort ein überregionales Telefon zu finden.
Nun gut, dies mag keine touristisch wertvolle Beschreibung einer bestimmt sehr reizvollen Stadt sein. Auch das hübsche Theater ist uns im Vorbeifahren auf der Suche nach einem solchen Telefon nicht entgangen. Aber wir hatten nunmal zu diesen Zeitpunkt andere Sorgen, als die Schönheiten vorbeiziehender Städte zu besichtigen.
Wir waren etwa einen halben Tag hinter unserem wohl auch zu straff organisierten Reiseplan und so wollten wir beide Verwandte und Freunde an unserem Zielort und daheim anrufen, damit man sich keine Sorgen machte, wenn wir am Spätabend des vierten Reisetages eben nicht am Ural in Orenburg ankamen.
Doch überregionales Telefonieren ist in Russland nicht so einfach wie daheim. Nur die wenigsten öffentlichen Telefone funktionieren über die Grenzen von Regionen hinweg, nur in Telefonbüros ("Telegraf") gab es Alternativen zum Telefonieren über Regional- und Staatsgrenzen hinweg. Trotz Brigittes Russischkenntnissen gelang es uns auch nach zwei Stunden nicht, den Weg zum nächsten solchen Büro zu finden, zu verschlungen waren die Straßen dieser von der Größe mit Nürnberg oder Dresden vergleichbaren Großstadt. Das russsische Verkehrschaos war in Großstädten immer um eine Nummer größer, als daheim in Mittel- und Westeuropa und so verfuhr man sich in Städten wie Woronesch in etwa so einfach wie in Paris oder London, nicht nur wegen eines nur unwesentlich geringeren Mangels an Hinweisschildern, wie in der Ukraine. Auch der Polizei ging man am liebsten so weit wie möglich aus dem Weg, kontrolliert wurde man schon oft genug und fragte nicht noch Ordnungshüter nach dem Weg zum nächsten internationalen Telefon.
So gaben wir denn nach zwei Stunden Suche auf uns schlugen den Weg nach Osten wieder ein. Wir hatten beschlossen, ein Telegraf-Büro doch lieber in einer etwas kleineren Stadt zu suchen, in der das Verkehrschaos dann vielleicht doch nur so groß war, wie in Lyon oder Bremen.
Die Straße wurde hinter Woronesch schnurgerade und führte durch eine weitgehend ebene Graslandschaft mit einzelnen Wäldern direkt nach Osten. Riesige Alleebäume spendeten Schatten, ohne den das Reisen in der mehr und mehr größer werdenden Hitze unerträglich gewesen wäre. Waren wir in Deutschland noch bei strömendem Regen und kühlem Frühsommerwetter losgefahren, machte sich nun mehr und mehr heißes Kontinentalklima bemerkbar.
Etwa gegen Mittag erreichten wir Borisoglebsk, die nächste Großstadt, an der Kreuzung unserer Straße von Woronesch nach Saratow mit der Autobahn M6 Moskau-Wolgograd gelegen. Wir füllten unseren Bus zunächst außerhalb mit Benzin, wobei die an der Tankstelle arbeitende Frau dieses mal sehr freundlich war und uns viele Fragen stellte, was uns als Deutsche mit dem Auto so tief nach Russland verschlug. Im Gespräch stellte sich heraus, dass sie in den Endzeiten der DDR schon einmal mit ihrem Mann in (Ost-)Deutschland gewesen war, als dieser als Soldat der Roten Armee nahe Leipzig stationiert gewesen war. Selbst ein paar Brocken Deutsch sprach sie und wir waren sehr überrascht, mittlerweile mehr als 2500 Straßenkilometer von zu Hause noch Menschen mit Deutschkenntnissen anzutreffen, insbesondere nach unseren vorherigen Erfahrungen in Osteuropa.
Borisoglebsk war für Russland keine allzu große Gebietshauptstadt, mit vielleicht 150.000 Einwohnern in etwa so groß wie Würzburg. Die Innenstadt wirkte angenehm grün und an einigen Stellen renoviert, neben den in Russland noch überall allgegenwärtigen Leninstatuen belegten Firmen- und Reklameschilder überall den bereits 10 Jahre zurückliegenden Einzug des Kapitalismus in das neue Russland. Leider keine Reklameschilder für eines der ortsansässigen Telegraf-Büros, das wir nur mit viel Fragerei tief in einer unscheinbaren Nebenstraße fanden und das von innen durch frei herumhängende Kabel und eine halb durchbrochene Wand mehr wie eine Baustelle wirkte, als wie ein funktionierendes Kommunikationszentrum der Stadt in die große weite Welt via Telefon, Fax, Telegramm und sogar Email.
Nach dem Besuch des Telegraf und der Beruhigung unserer Angehörigen wollte Brigitte ein paar Traveller-Schecks einlösen, was jedoch ohne Erfolg blieb, da auf Euro ausgestellte Traveller-Schecks wie ihre in Russland nur von international arbeitenden Großbanken eingelöst wurden - und die gab es offenbar nur in Städten ab 500.000 Einwohner. Die Banken in Borisoglebsk jedenfalls lehnten es ab, solche Schecks einzulösen, weshalb wir weiterhin nur von meinen eigenen Bargeldbeständen - ich hatte aus Erfahrungen vergangener Russlandreisen ausschließlich Bargeld dabei - leben mussten.
Nach ein paar Einkäufen machten wir uns wieder auf den Weg. Es war schon wieder Spätnachmittag geworden, als die Landschaft hügeliger wurde, da wir bereits in die ersten Ausläufer der Wolgahöhen hineinfuhren. Ein einsamer Milizionär machte unterwegs schnell noch ein paar Rubel mit uns, da wir auf der Autobahn auf einer durch einen völlig verblassten Pfeil gekennzeichneten Rechtsabbiegerspur geradeaus gefahren waren. Dieses mal waren wir nicht dumm und machten einen auf wenig-bares-dabei, wodurch sich die ursprünglich verkündete Strafe auf etwa 25 % reduzierte, was in etwa den Wert unserer vorgeblich mitgeführten Barschaft ausmachte - und gerade mal etwa 5 Euro.
Die Straße war gut, vor allem für russische Verhältnisse und so kamen wir gut voran. Die Sonne stand noch ein gutes Stück über dem Horizont, als es mehr und mehr bergab ging und auch mehr und mehr Autos die davor seit Borisoglebsk zeitweise fast leere Straße bevölkerten.
Hinter einem Hügel tauchte schließlich das Wolgatal und in ihm Saratow auf. Es war einer der schönsten Anblicke, den die 9.000 dieser Reise für mich bereit hielten, hinunter von den Hügeln auf Tal und Stadt zu schauen. Schier endlos erstreckten sich am Horizont die blauen Fluten des Flusses. Man hatte mehr das Gefühl, sich an einem See oder einer Meerenge zu befinden, es war fast nicht zu glauben, dass dieses majestätisch breite Blau wirklich ein sich windender Fluß war, der behäbig und kaum merklich dem Kaspischen Meer entgegenfloss. Die Wolga übertraf alles, was ich an Größe bei Flüssen bis dato gesehen hatte, bei weitem - ob Rhein, Oder, Elbe oder auch Dnejpr und Don - sie wirkten neben diesem gewaltigen größten Strom Europas wie unbedeutende Rinnsale.
Saratow wirkte mediterran und zugleich russisch. Verglichen mit manch anderen Städten Russlands erschien die Stadt reich, grün und geschäftig. Überall flitzten wie in einer italienischen Mittelmeermetropole Autos, Motorräder und Fußgänger durch ein unüberschaubares Straßenchaos mit mittelmeerischer Seitenstreifenbepflanzung. Den russischen Charakter bildeten dabei die Autotypen - Lada, Moskwitsch und Skoda - sowie endlose graue Vorstädte, die einen architektonisch reizvollen alten Stadtkern an drei Seiten umzingelten, während an der vierten der majestätische Fluss lag.
Wir mussten den Weg zu einer Brücke finden, auf der wir die Wolga überqueren konnten und fuhren direkt in die Stadt hinein. Mit viel freundlicher Hilfe von Einheimischen fanden wir sie denn auch - alleine hätten wir uns mit Sicherheit im Chaos des Verkehrs dieser Fast-Millionen-Metropole verfahren.
Die Saratower Wolgabrücke zählt mit knapp drei Kilometern Länge zu den größten Europas. Sie verbindet Saratow mit der Stadt auf dem gegenüberliegenden Ufer, die den schönen Namen Engels trägt (die Stadt Marx liegt übrigens gleich daneben). Die Fahrt über die Wolga ist ein gigantisches Erlebnis und wir fanden es sehr schade, dass es auf der Brücke nirgendwo eine Haltemöglichkeit gab, um den Eindruck der gigantischen Wolgafluten zu genießen.
Engels ist Saratow sehr ähnlich - russisch-südländischer Flair, Verkehrschaos, Bauten aus dem 19. Jahrhundert in der Innenstadt. Es ist nur etwas kleiner, als die Metropole auf dem gegenüberliegenden Ufer und in seinem Zentrum befindet sich in der Tat ein riesiges Friedrich-Engels-Denkmal, das alle ähnlichen Gedenksteine im ehemaligen Ostblock, die ich selbst gesehen habe, bei weitem an Größe übertrifft. Überhaupt wirkt es schon ein wenig merkwürdig, über 3000 Straßenkilometer hinter dem Überschreiten der deutschen Außengrenzen auf eine Stadt mit dem Namen Engels zu treffen, die trotz der mittlerweile 10 Jahre seit dem Untergang der Sowjetunion auch nicht wieder um- oder rückbenannt wurde. Überhaupt hatten die Russen einen sehr interessanten Sinn für Namensgebungen ihrer Städte. So kamen wir auch durch einen Ort mit dem Namen "Erster Mai" und durch gleich vier Alexandrowkas. Vielleicht ist ja auch der Vorrat an normalen Ortsnamen einfach zu klein für solch ein riesiges Land. Übrigens: Marx - ich meine eine Stadt mit dem Namen Marx - lag gleich neben Engels, keine 50 km die Wolga hinauf. Mangels "X" im kyrillischen Alphabet jedoch ´Marks´ geschrieben.
In Engels hätten wir uns beinahe nochmals verfahren, als wir aus Versehen die Ausfallstraße nach Kasachstan zum Osten hin erwischten. Nach einigen Kilometern fiel mir jedoch die falsche Himmelsrichtung auf und so bogen wir nach Norden Richtung Samara, unserem nächsten Etappenziel ab. Der kürzeste Weg zu dem von hier östlich gelegenen Orenburg wäre in der Tat via Oral in Kasachstan gewesen, jedoch haben wir aufgrund vieler schlechter Berichte über Grenzabzockerei des kasachischen Zolls und der fälligen Gebühren für ein weiteres Transtvisum bereits weit vor der Reise eine Umgehung dieses Landes über eine kleine Nordkurve von mehreren hundert Kilometern beschlossen.
Das Klima und die Landschaft nach Norden die Wolga hinauf waren radikal anders, als wir es von WestRussland jenseits der Wolgahöhen erlebt hatten. Statt gemäßigtem Kontinentalklima brannte hier die Sonne von morgens bis abends bei subtropischen Temperaturen herunter. In Richtung Kasachstan blickten wir auf eine schier unendliche trockene Grassteppenlandschaft während zu unserer linken sich am Wolgaufer bewässerte Felder aneinanderreihten.
Schon bald war es später Abend und wir waren noch zu weit von unserem nächsten Etappenziel Samara entfernt, um es vor dem frühen Morgen zu erreichen. So übernachteten wir auf dem Land und hofften, am nächsten Tag nicht allzu spät unser vorläufiges Endziel Orenburg zu erwarten.
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