In Russland - de

Das unabhängige deutschsprachige Russlandportal mit Reportagen, Regioneninfos, Multimedia und mehr
Flugbuchung.com - Flüge buchen mit Preisgarantie!

Hauptseite

Regioneninfos
Ostsee
Wolga& Zentral
Kaukasus
Uralregion
Sibirien
Polargebiet
Fernost

Sankt Petersburg

Stadtspecials
Moskau
Petersburg
Kaliningrad
Samara

Hilfe für Beslan - hier klicken

Russlandsuche

Nach Russland mit Hindernissen

Am nächsten Morgen beeilten wir uns, möglich früh und schnell weiter zu kommen. Da ich weniger auf einer Urlaubsfahrt, als vielmehr auf einer zu meiner Frau war, wollte ich keine unnötige Zeit verlieren. Bei einigen der in der Ukraine zahlreich am Straßenrand herumsitzenden Bauern kauften wir einen Vorrat an Früchten und aßen diese unterwegs zusammen mit unseren mitgebrachten Vorräten, von denen wir uns ansonsten bisher ausschließlich ernährt hatten.

Am späten Vormittag erreichten wir Poltava. Wie bei so vielen einem deutschen Ohr nichtssagenden Ortsnamen entpuppte sich auch dieser als eine beachtenswerte Großstadt, etwa von den Ausmaßen Würzburgs oder Erlangens. Da es keine Umgehungsstraße gab, kostete die Durchquerung Poltavas erneut einiges an Zeit und so kamen wir erst am Nachmittag in Charkiv, der letzten Großstadt und dem Zentrum der Ostukraine an. Die Gegend unterschied sich bereits gewaltig vom Westen des Landes. Viele Schilder und Aufschriften waren russisch statt ukrainisch, auch die Architektur und die Menschen wirkten noch um einiges osteuropäischer. Ohne die penetrant immer wieder am Wegesrand stehenden Hoheitszeichen der Ukraine hätte man sich ohne Probleme in WestRussland vermuten können. Der Osten der Ukraine wurde in der Mehrzahl von Russen bewohnt und Ukrainisch war hier mehr oder weniger nur aufgesetzte Amtssprache.

Am Stadtrand von Charkiv (russisch: Charkow) wurden wir erneut von der Milizia angehalten. Nachdem unsere Papiere kontrolliert und in Ordnung waren, verließ uns der Milizionär und vom Straßenrand eilte ein Mann in Zivil auf uns zu, der vorher während der Kontrolle zwischen den Milizionären auf einem Klappstuhl herumgesessen war. In der Hand trug er einen Stapel kleine Zettel. Er erklärte uns, wir müssten nun umgerechnet etwa 10 Euro zur Durchquerung der Region Charkiv zahlen. Wir waren sehr verwundert. Die Region Charkiv war nun etwa die zehnte Ukrainische Region, die wir durchfuhren und für die neun Regionen davor hatten wir keinen Pfennig bezahlen müssen. Wir vermuteten Nepp und ließen uns vom Kassier zu einem der Milizionäre bringen, die einige Meter weiter vorne noch immer Autos kontrollierten, die dann alle ohne Wegzoll weiterfuhren. Dort bestätigte uns der am nächsten stehende Polizist die Notwendigkeit der Entrichtung der merkwürdigen Abgabe. Im sicheren Bewusstsein, hier im Bund mit der Polizei zu Unrecht abkassiert worden zu sein, zahlten wir in Euro und fuhren auf einen Charkiv umgebenden Autobahnring, der uns zur Ausfallstraße in Richtung russische Grenze brachte. Den Verdacht, zu Unrecht abgezockt worden zu sein, erhärtete in mir übrigens auch die Tatsache, dass die Region Charkiv (genau wie alle anderen etwa zwei Dutzend durchquerten russischen und ukrainischen Regionen) auf der Rückfahrt anscheinend kostenlos durchquert werden konnte. Auch der Beleg für die Zahlung der Maut, in Klopapier-Qualität und von der Größe eines Garderobenzettels, verstärkte diesen meinen Verdacht.

Die weiterere Reise zur Grenze nach Russland, es waren von Charkiv etwa 50 Kilometer, verlief ohne besondere Vorkommnisse. Der Grenzübergang war wesentlich größer, als der bei Lviv von Polen gewesen war. Es war ein Autobahnübergang, der die überwiegend von Russen benutzt wurde und die dichtbesiedelte Ostukraine mit Moskau in Russland verband. Wir erreichten die Grenze gegen Nachmittag und reihten uns mit nicht allzu positiven Vorahnungen in eine lange Reihe wartender Autos ein.

Die ukrainische Ausreisekontrolle bestand dieses mal nur aus vier Stationen, von denen sich eine in einem Büro befand, zu dessen Besuch man sein KFZ verlassen musste - also alles in allem nichts allzu aufregendes.

Hinter der eigentlichen Grenzlinie wurden wir dann vom ersten russischen Schlagbaum empfangen. Hier wurden Papiere kontrolliert und immer wieder einzelne Autos zur näheren Kontrolle herausgewunken, während die übrigen problemlos vorbei an einer Kontrollstation in ein dahinterliegendes unbekanntes Gebiet entschwanden. Natürlich war unser Bus eines der Autos, die näher kontrolliert wurden. Ein deutsch sprechender Zöllner (Verwandte von ihm lebten in Deutschland) untersuchte verschiedene Taschen im Kofferraum und ließ uns dann, nachdem er einen Stempel in unsere Pässe gemacht hatte, passieren. Wir sollten zu einem kleinen Häuschen fahren, das direkt hinter dem Kontrollpunkt stand, wo wir unsere Fahrzeugpapiere nochmals zeigen sollten. Brav folgten wir natürlich den Anweisungen und in der Tat wurden (wie immer zum dritten mal) an besagtem kleinen Haus unsere Fahrzeugpapiere wieder einmal einer genauen Kontrolle unterzogen. Noch etwas zweifelnd witterten wir bereits die Freiheit, nun nach Russland einreisen zu dürfen.

Unsere Zweifel sollten sich als berechtigt herausstellen. Die Fahrzeugpapierkontrolleure wiesen uns an, nun etwa zweihundert Meter weiter ums Eck zu fahren und uns dort in die Warteschlange für PKWs einzureihen. Sie war endlos. Alle bisherigen Kontrollen an dieser Grenze waren lediglich so etwas wie ein Vorspiel gewesen, die eigentliche Einreiseprozedur begann jetzt erst. Geduldig warteten wir in der vorwärts kriechenden Schlange, bis wir wieder einmal an der Reihe waren. Unser Part in dieser Abfertigungs-Schlange war kurz. Man erklärte uns, sie sei die falsche. Da wir einen VW Bus fuhren, müssten wir selbstverständlich nicht in der PKW-Reihe, sondern in der für Busse warten. Wir wussten bereits von der hinter uns liegenden Ukraine-Einfahrt, dass Proteste, wie etwa der letzte Kontrollpunkt habe uns in die PKW-Schlange geschickt oder bisher seien wir auch als PKW abgefertigt worden, sinnlos waren. So stießen wir zurück und reihten uns rechts daneben hinter einem halben Dutzend Reisebusse ein, aus denen immer wieder Rudel von Busreisenden herauskamen und noch weiter rechts für jeweils etwa 10 bis 15 Minuten in einem größeren Haus verschwanden, während die Busfahrer links an einigen Autoschaltern verschiedene Dokumentstapel vorzeigten.

Keine halbe Stunde später waren auch wir an der Reihe. Zu meiner Überraschung musste Brigitte als mein Buspassagier nicht in das Haus gehen, sondern wir wurden vom Autoschalter Bus zusammen zu Fuß zu einem anderen Drive-in-Schalter an der PKW-Abfertigung geschickt. Dort kontrollierte ein Zöllner, der ein wenig wie der hiesige Chef wirkte, unsere Pässe und Fahrzeugpapiere, machte ein ernstes Gesicht und sagte zu mir "Sie sind schon einmal mit diesem Visum nach Russland eingereist. Es berechtigt nur zur einmaligen Einreise. Sie können nicht nochmal nach Russland einreisen." Oder anders ausgedrückt, wollte er mich in die Ukraine zurückschicken, während Brigitte, im Besitz eines Mehrfachvisums, hätte alleine einreisen können.

Nun gab es natürlich Diskussionen und ein wenig hin und her, denn ich WAR mit besagtem Visum natürlich noch nicht in Russland gewesen und hatte es mir ordnungsgemäß kurz vor der Reise im Konsulat besorgt. Nach etwa 5 Minuten Verhandlungen fanden wir denn auch heraus, warum der Chef dachte, wir seien schon einmal in Russland gewesen. Der deutsch sprechende Zollbeamte zwei Posten zuvor hatte einen Einreisestempel in unsere Pässe gemacht, obwohl die Einreise erst hier beim Chef wirklich stattfand. Deshalb war der Chef überzeugt, wir seien schon einmal eingereist, was in meinem Fall völlig gegen jedes russische Gesetz gewesen wäre, was natürlich nicht geht. Das wir den Stempel nur von einem vorgelagerten Posten bekommen hatten, wäre recht einfach aufzuklären gewesen, wenn der Chef einmal weiter vorne angerufen hätte. Aber vielleicht auch, weil er der Chef war, dauerte es noch einmal fünf Minuten, bis er einen mit ihm im Autoschalter sitzenden Büttel anwies, doch einmal vorne bei Posten 2 anzuklingeln, ob dieser aus Versehen besagten Stempel in unseren Pass gemacht hätte.

So klärte sich das Mysterium auf und wir erhielten unsere Pässe mit der Aufforderung zurück, nun zu einem weiteren Schalter zu gehen, der etwas weiter links in einer Ecke des Abfertigungsbereichs stand. Dort nahm eine sehr nette Frau unsere Fahrzeugpapiere und Pässe erneut in Empfang, wies uns an, eine Zollerklärung auszufüllen und tippte anschließend angestrengt eine Reihe von Daten von unserem Papieren in eine Schreibmaschine. Hierauf reichte sie uns einen kleinen Zettel. Mit diesem sollten wir zu einem weiteren Schalter gehen (es gab über ein Dutzend solcher Schalterhäuschen an diesem Kontrollpunkt) und dort eine Einfuhrgebühr für unser Auto zahlen.

"In Rubel ?" fragte ich
"Ja in Rubel." sagte sie.
"Geht es auch in Euro, Grivna oder Dollar ?" fragte ich.
"Nein, nur in Rubel" sagte sie.

Hier hatten wir nun den etwa zwanzigsten Grund bei einer Grenzüberquerung auf dieser Reise lange Gesichter zu machen. In einer ganzen Reihe schriftlichen Reiseinfos nach Russland steht "führe keine Rubel ein." Und als fleißig vorab informierte Reisende hatten wir natürlich auch keine einstecken. Hilfesuchend wandten wir uns an den Chef. Dieser erklärte uns, ohne Rubel ginge gar nicht und nein, natürlich könne man hier bei der russischen Einreisekontrolle keine Rubel eintauschen, weder gegen unsere Grivna noch gegen unsere Euro. Die nächste Wechselstube befände sich seines Wissens in der Ukraine nicht weit von der dortigen Ausreisekontrolle. Allerdings könne ich selbst nicht dorthin, da ich ja dann wieder ausreisen würde und dann nicht mehr einreisen dürfe, wegen meines Visums nur für die einmalige Einreise nach Russland. Das gleiche gelte für mein Auto.

So musste Brigitte denn alleine und zu Fuß in die Ukraine zurücklaufen, Rubel tauschen. Keine 20 Minuten später war sie wieder da. Ich zahlte 100 Rubel Gebühr für die zeitweilige Einfuhr eines Fahrzeugs, rannte mit der Quittung zu einem anderen Schalter, erhielt dort eine Bescheinigung über die ordnungsgemäße Einfuhr, rannte zu einem anderen Schalter (...). Nachdem die neuste Schalter-Odysee wieder beim Chef ihr Ende fand, verließ dieser sein Büro, um unser Fahrzeug (wieder mal) zu durchsuchen.

Es war eine sehr gründliche Kontrolle. Kofferraum, Fahrgastraum, fast alle Tascheninhalte wurden einzeln untersucht. Brigitte musste für mitgeführte Medikamente eine russische Übersetzung der dazugehörigen ärztlichen Verordnungen vorlegen, obwohl es sich um harmlose und nicht verschreibungspflichtige Arzneien handelte. Nach der ausführlichen Visitation reichte uns der Chef alle Dokumente zurück und wünschte uns eine gute Fahrt.

Wir konnten es kaum glauben. Nach 4 ½ Stunden Grenzkontrolle waren wir endlich frei. Der Schlagbaum des Busschalters hob sich und wir brausten nach Russland hinein, direkt auf die erste Großstadt Belgorod zu.

"Belgorod" - das heißt soviel wie "Weiße Stadt". Warum dieser Ort im äußersten Südwesten Russlands so hieß, konnten wir sehr schnell und ohne jedes Studium eines Reiseführers feststellen. Blütenweiße Felsen ragten überall aus der hügeligen Region und verleihten der Gegend ein interessantes Ambiente. Ansonsten entsprach Belgorod dem Bild einer typisch russischen Großstadt mit Plattenbau-Vorstädten und einem zutiefst osteuropäischen Stadtkern. Zu Zeiten der Sowjetunion war man hier bereits 1000 km im Landesinneren gewesen und nur die Unabhängigkeit der Ukraine hatten Belgorod in eine Grenzstadt verwandelt.

Ukrainische Autos sahen wir bereits kurz nach dem Grenzübertritt selten, v.a. nachdem wir schon kurz vor der Stadt die Autobahn Richtung Moskau verließen, um unserem nächsten Etappenziel Woronesch entgegenzufahren. Brigitte schoss ein paar Fotos von einer mitten im Felsenpanorama gelegenen Tankstelle, von wo wir jedoch von einem wütenden Besitzer vertrieben wurden, da wir zu seinem tiefsten Unwillen kein Benzin kaufen wollten. Es sollte die einzige feindseelige Begegnung bleiben, die wir hier in Westrussland mit der Bevölkerung hatten, die ansonsten hilfsbereit und freundlich zu uns als Unikum aus dem unendlich weiten Westen waren - an die 2000 Straßenkilometer waren wir mittlerweile unterwegs.

Die Straße wurde allmählich leerer, ebenso die Gegend, in der seltener und seltener Dörfer und Weiler die endlose Weißfelsen-Hügellandschaft spärlich bevölkerten. Dunkelheit senkte sich mehr und mehr über das Land und auch für uns wurde es Zeit nach einem Schlafplatz zu suchen. Ausgeruht von unserem (zu) langen Grenzaufenthalt wollten wir jedoch nicht schon jetzt anhalten und fuhren entgegen aller Warnungen aus westlichen Touristenführern in die Nacht hinein, bis wir mehrere Stunden später Woronesch erreichten. In einer etwas besser betucht wirkenden Vorstadt mit Einfamilienhäusern schlugen wir unser Nachtlager auf und fielen sofort in tiefen Schlaf.

(weiter geht es HIER und zur Übersicht der Uralfahrt HIER)

Weitere Reisereportagen
HIER klicken

Andreas Obieglo_Caro Weißenberg

Reportagen
Startseite
Kurzindex
Ortsregister
Multimedia

Service
Forum
Gästebuch
Chat
Russische Events
Links
Russlandbücher
Russlandkarte
Impressum

Moskau

Partnerlinks
Reiseinfos
Blog
Wodka
Märchen
Russlandsuche
Orenburg

Schrift kleiner


inRussland-de