(Baschkortostan) Vor allem auf dem flachen Land – von dem es im mit einzelnen Metropolen dünn besprenkelten Südural eine Menge gibt - sind sie für Russen ganzjährig das Transportmittel Nummer eins auch für Fernreisen: Die Rede ist von Überland-Linienbussen, die zwischen allen größeren Städten des Landes verkehren, auch weitab von Flughäfen und Bahnlinien. Und was für viele noch wichtiger ist: Auch zu einem wesentlich günstigeren Preis als Flugzeuge und Eisenbahnen.
Da Flüge in den Ural im Winter sehr dünn gestreut sind, kam auch ich in der kalten Saison in den Genuss einer solchen Busfahrt. Das Reiseziel, der momentane Studienort meiner Frau, war partout nicht aus der Luft zu erreichen – das acht Busstunden entfernte Ufa, Hauptstadt der Republik Baschkortostan und romantisch-schön am Fuße der zu dieser Zeit stets bei extremen Minusgraden (bis ca. –30 Grad) tief verschneiten Uralberge, hingegen schon.
Der Anblick des Gefährts für die Hinfahrt versetzte mich ein wenig ins Staunen. "Hessen-Reisen" stand groß auf dem Mercedes-Bus, der wohl in den späten 70ern einer Kasseler Gesellschaft gehört hatte. Alte Deutsche Reisebusse sind in der Uralregion eine häufig anzutreffende Ergänzung des einheimischen Fuhrparks und oft der liebevoll gepflegte ganze Stolz ihrer Eigner und Fahrer.
Etwa 20 Minuten nach der Abfahrt in Ufa war auch bereits der erste Halt gekommen, doch keine Bushaltestelle. Eine am Wegrand stehende Frau Mitte 50 stieg in den Bus zu und eine Armbinde wies sie als Ticket-Kontrollkraft der Busgesellschaft aus. Fahrkarten für Inlands-Überlandbusse erwirbt man im Ural nicht beim Fahrer, sondern an den Verkaufsschaltern zentraler Busbahnhöfe. Die Busgesellschaften wollen verhindern, dass Fahrer Fahrgeld kassieren und in die eigene Tasche stecken, anstatt das Geld an die Gesellschaft weiterzuleiten. So hatte auch jeder Busreisende seine ordnungsgemäße Fahrkarte vom Busbahnhof Ufa der älteren Dame zu zeigen, bevor es nach einer gewissenhafter Kontrolle weiter ging, während die Kontrolleurin ausstieg, um auf den nächsten Bus zu warten.
Der Bus war gerade wieder 20 Minuten und eine reguläre Haltestelle weitergekommen, als schon wieder die nächste Mitte-50-jährige mit roter Armbinde aus einem einsam stehenden Haus zustieg. Und so ging es weiter, etwa ein Dutzend Kontrollen verteilten sich auf die achtstündige Reise. Auf der Rückfahrt sollte ich erfahren, dass dieses engmaschige Kontrollnetz nicht ohne Grund existierte, als eine größere und recht zwielichtig und fremdländisch aussehende Reisegruppe mit riesigen Taschen den Bus weitab von jeder Haltestelle betrat, vom offenbar vorbereiteten Busfahrer gefälschte Fahrkarten erhielt und ihn dann etwa 100 km später weitab von jedem offiziellen Busbahnhof wieder verließ. Plötzlich aufkommende Nervousität anlässlich eines vorbeifahrenden Milizautos warf auch kein gutes Licht auf diese Passagiere und ihren in die eigene Tasche wirtschaftenden Chauffeur.
Die Hinfahrt hingegen war alles in allem keine solch außergewöhnliche Reise, jedoch ließ mich meine mitreisende und auch aus dem Ural stammende Frau wissen, dass es nicht immer so sei und wir glücklich sein sollten, dass dies keiner der original-russischen Icarus-Busse gewesen sei, die ansonsten 80 % des örtlichen Busfuhrparks ausmachten. Warum sie das sagte, konnte ich dann auf der Rückfahrt nach Ufa feststellen.
Der abgewetzte Icarus-Bus wirkte etwas kühl beim Einsteigen, so etwa um die 15 Grad, aber mit seiner hübschen Frau im Arm ließ sich das ja aushalten. Nach etwa 20 Minuten fand jedoch auch diese Busreise einen ersten Halt. Grund waren dieses mal keine Fahrbahnrand-Kontrolleurinnen, sondern merkwürdige Motorgeräusche, die neben einem hörbaren Getriebeschaden der Reise durch die leere Gebirgslandschaft einen merkwürdigen Beigeschmack verliehen. Der Busfahrer stieg denn auch aus und nach ein paar Minuten waren heftige Hammerschläge auf den Motorblock vernehmbar.
Dem Halt folgte etwa 10 Minuten später ein zweiter, der mit der Frage des Busfahrers endete, ob sich unter seinen Fahrgästen jemand befände, der in der Reparatur von Autos bewandert sei. Es fand sich jemand und so ging es keine fünf Minuten später weiter, allerdings mit fortdauernden merkwürdigen Motorgeräuschen.
Im Laufe der Stunden, gegen Abend, wurde es dann auch merklich kälter im Bus. Bei etwa 10 Grad erklärte der Fahrer denn auch, die Mitreisenen müssten sich dieses mal auf tiefe Temperaturen einstellen. Die Lichtmaschine sei defekt und alle unnötigen Stromverbraucher wie Innenbeleuchtung und Heizung müssten auf ein Minimum beschränkt werden. Ein Außenthermometer an einem Busbahnhof zeigte minus 17 Grad, Tendenz fallend.
So schaukelten wir denn dahin in der nichtsdurchdringenden Dunkelheit, während so langsam um uns herum auch die Innentemperatur auf Werte um den Gefrierpunkt fiel, beschleunigt durch größere Ritzen in den beiden nicht mehr richtig schließenden Türen. An den Haltepunkten ließ der Fahrer wegen der kaputten Lichtmaschine den Motor laufen, während die wie immer in Russland trotz aller Umstände gelassenen Passagiere sich in den großen Busstationen mit allerlei warmen Getränken versorgten. Währenddessen wurden die merkwürdigen Motorgeräusche allmählich lauter und immer wieder stiegen der Fahrer und der autokundige Fahrgast aus, um in Richtung des Geräuschursprungs nach dem rechten zu sehen. Währenddessen unterhielt mich meine Frau mit Erinnerungen an zurückliegende Busreisen mit Totalschaden und ausgefallenen Heizungen bei noch viel niedrigeren Temperaturen in noch abgelegeneren Gegenden des tief verschneiten Uralgebirges. Ich sehnte mich derweil nach ´Hessen-Reisen´.
Dann geschah es. Mitten in der Nacht und im freien Feld hielt der Bus an. Nichts war zu sehen. Keine Haltestelle, keine Kontrolle, keine Häuser, kein Verkehr auf der verschneiten Straße. Nur ein paar ferne Ural-Berge irgendwo südlich von Ufa. Leise ächzte der Motor bei unregelmäßigen Umdrehungen vor sich hin. Doch es war nicht der von mir schon befürchtete Exitus. Der Fahrer wartete nur auf einen vorbeikommenden anderen Bus. Dieser hielt neben unserem Gefährt an und unser Fahrer fragte seinen Kollegen, ob er ein wenig hinter ihm her fahren könnte, da es möglich sei, dass sein Bus in nächster Zeit stehen blieb und das dann auf Dauer.
Seinen Humor hatte der Busfahrer während der Reise auf jeden Fall nicht verloren. Am Ziel angekommen fragte er uns, wie uns die Reise denn so gefallen habe. Auf die Bemerkung meiner Frau hin, dass es im Bus etwas kalt gewesen sei, meinte er nur trocken, dass er es ja immerhin geschafft habe anzukommen und das nur mit zwei Stunden Verspätung trotz Motorschaden und kaputter Lichtmaschine.
Angefügt an diesen Bericht sei nur erwähnt, dass die aus Deutschland nach Russland fahrenden Busse nicht zu der Icarus-Klasse gehören, sondern Reisebusse westlicher neuerer Bauart sind. Und dass ich das nächste mal im Winter über Samara in den Südural reise. Von dort sind es zwar noch drei Stunden mehr – jedoch mit dem Zug. Meine Bewunderung gilt den hartgesottenen Einheimischen, wie meiner Frau, die nach der Fahrt nur meinte: So lange sie lebendig ankommen, sind die Leute im Ural nach jeder Winter-Busfahrt froh und haben keinen Grund mehr, sich über irgendetwas aufzuregen.
Weblinks:
- Baschkortostan im Wikipedia-Onlinelexikon hier klicken
- Fotos aus Ufa / Baschkortostan hier klicken
- Buchtipp: Einmal Baschkirien und zurück, Erlebnisse eines Kriegsgefangenen hier klicken
(Kurzinfos und Links zu weiteren Orten und Republiken der Uralregion finden sich HIER)