(Weltweit) Während der Wodka in Russland im Abwehrkampf gegen den modernen Gerstensaft bestehen muss, ist er außerhalb der alten Heimat hipp wie nie. Immer häufiger findet man rund um den Globus in den Zentren der In-Kultur spezielle Bars, die sich gleich ganz auf das Wässerchen konzentrieren - und das fast immer mit einer großen Menge Sowjet-Kitsch außen herum.
Bis in die letzten Winkel des Globus ist dieser Trend schon vorgedrungen - so ins ferne Toronto in Kanada. Dort findet sich die „Pravda Vodka Bar“ (www.pravdavodkabar.ca) , die vom Hausdesign auch auf dem Roten Platz nicht russischer - oder eigentlich sowjetischer - sein könnte. Zwar ist die Anzahl der russischen Wodkasorten mit nur sechs vergleichsweise niedrig (der Rest stammt von anderswo auf der Welt), jedoch macht man Werbung mit einer ganzen Liste von passenden „Zakouski“*) - angeblich russischen Beilagen, von denen jedoch einige wie die „Pravda Fries“ trotz Tarnnamen verdammt nordamerikanisch klingen. Dafür gibt es viele rote Sterne, Kronleuchter, Leninbilder und anderes, was der Kanadier offenbar auch heute noch mit Russland verbindet. Bedienungen in russisch-folkloristischer Garderobe laufen als Zugaben herum - alles sozusagen fast wie in Russland (oder auch nicht).
Ähnliches Design wie die Kanadier scheinen auch die Briten mit Russland zu verbinden. Dort gibt es gleich eine ganze Kette von Wodka-Gastronomie im Retro-Bolschewiki-Outfit: Die Revolution Vodka-Bars (www.revolution-bars.co.uk). Die Auswahl an russischen Wässerchen ist in den mittlerweile 50 Revolutionskneipen leider ähnlich begrenzt wie im fernen Kanada und die englischen Revolutionäre benötigen offenbar Burger und Beef-Steaks statt Sakuska zur Planung ihrer subversiven Tätigkeit unter den hier ebenfalls unverzichtbaren roten Sternen.
Wesentlich mehr russische Wodkamarken mit wesentlich weniger revolutionären Pathos bekommt man in Saint Louis in den USA serviert - in der Subzero Vodka-Bar (www.subzerovodkabar.com) mit hübschem Logo in pseudo-kyrillischer Schrift. Die Südstaatler lehnen alle traditionellen Beilagen zum Wässerchen ab, denn zu essen gibt es hier neben Burgern nur Sushi - das aber gleich in dutzenden von Sorten. Wer es „originaler“ möchte, muss in den USA in New York in den Russian Vodka Room gehen (www.russianvodkaroom.com). Hier sind Ambiente und Programm wieder „russischer“ - Sowjetplakate, rote Sterne, eine „Red Corner“ (mit Informationen zur Bar), traditionelles Sakuska in großer Auswahl und sogar ein regelmäßig auftretenden russisches Live-Trio, von dem zumindest die Namen der Musiker wirklich osteuropäisch klingen.
Wer jetzt aber denkt, übertriebener Sowjetkitsch sei eine Eigenart der Erfindernation von Disneyland, sollte lieber nicht ins KGB nach Freiburg in Baden gehen (www.kgb-freiburg.com). Zwar firmiert dieses formal als „Sowjetisches Café“, doch es ist in einem Artikel über Wodkalokalitäten noch wesentlich treffender untergebracht als die vorgenannten Lokale. Gibt es hier doch sage und schreibe 280 Sorten Wodka - davon etwa die Häfte aus Russland, von der günstigen Alltagsspirituose (mehrere Sorten zu 2,60 € pro Gläschen) bis zur teuersten Nobelsorte (Kauffman Private Collection, 2 cl zu 85 €). Doch das KGB ist kein Imitat, hier treten in der Tat russische Bands auf (wie die Ska-Größen Markscheider Kunst aus Sankt Petersburg oder Russkaya), hier gibt es auch russische Weine, Biere und Kaviar. Im KGB steht der Humor und nicht der Kitsch im Vordergrund - zu Lenins Geburtstag waren die Leningrad Cowboys (übrigens aus Finnland kommend) zu Gast, zum demnächst anstehenden Vierjährigen kommen Moskovskaya, Russendisco-DJs und „die wilde Balkantruppe Rotfront“.
Das KGB steht in Mitteleuropa als Wodkalokalität nicht allein. In Frankfurt am Main gibt es die Vodkabar Zar (www.vodkabar-zar.de), doch diese fällt im Reigen der auf russisch gemachten Wässerchen-Tankstellen gehörig aus dem Rahmen. Denn hier geht es nicht proletarisch-revolutionär zu, sondern adelsrussisch-gediegen. Pompös präsentiert sich die VIP-Lounge im Eremitage-Museumsstil, regelmäßige DJs präsentieren in altrussischer Zarenmanier internationale Musikkost. Über die Anzahl der angebotenen Wodkasorten schweigt man auf der Internet-Präsenz ebenso vornehm-zurückhaltend wie über die Preise.
Und in Russland selbst? Lacht man dort über den im Ausland betriebenen Sowjetkult in eigenen Wodka-Lokalitäten? Vielleicht in der Provinz, wo man seinen Wodka noch meist in geselliger Runde zu Hause mit original selbstgemachtem Sakuska genießt. Nicht aber in der Weltmetropole Moskau. Cosmopolit, wie man dort ist, gibt es hier ebenfalls eine Wodka-Bar (www.vodkabar.ru) und in der Tat - ebenfalls im Retro-Sowjet-Plüschdesign mit den unbedingt notwendigen roten Sternen - dem offenbar international anerkannten Zeichen für eine Wodka-Lokalität. Das Moskauer Lokal bietet übrigens eine wesentlich geringere Auswahl an Wodkas, als manche westeuropäischen Konkurrenzläden dieses neuen Typs - gerade einmal 17 finden sich auf der Karte. Aber vielleicht zieht es im Heimatland der Spirituose auch nicht, wenn man eine dreistellige Anzahl von Sorten auf seine Karte schreibt, man bekommt ja in jedem Supermarkt eine große Palette unterschiedlichster Marken angeboten.
*) Sakuska (Mehrzahl: Sakusky: Russische Häppchen und Beilagen zum Wodka, traditionell dort zwingender Bestandteil jeder Wodkarunde, mehr zu russischem Wodka im gleichnahmigen Buch, weiteres dazu hier)
Weblinks:
- Wodka.de.tt - alles über russischen Wodka hier klicken
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