(Samara) Schon bei meinem ersten Umsteigen in Samara fiel mir auf, dass der dortige Bahnhof - vor allem in Russland - etwas ganz außergewöhnliches ist -. Ein vollverglaster Bahnhofsturm fast von Wolkenkratzerausmaßen, ein sehr weitläufiges Areal und auch die Hallen im Inneren modernistisch ohne Ende. Selbst alle westeuropäischen Bahnhöfe die ich kannte, stellte er locker in den Schatten. Erst später sollte ich erfahren, dass ich hier im größten Bahnhof Europas mit dem höchsten Bahnhofsgebäude der Welt stand - einem modernen Wahrzeichen Samaras.
Durch einige Verspätungen - denn auch im modernsten russischen Bahnhof funktioniert der Zugbetrieb nicht anders als im übrigen Russland - hatte ich die Gelegenheit das Bahnhofsgebäude bei diesem und weitere Besuchen in den folgenden Jahren genauer zu erkunden, anstatt mir in der überdimensionierten Haupthalle beim Warten den Hintern breit zu sitzen.
Ein Hotel, ein Friseur, ein Bahnmuseum und eine riesige Menge Spielautomaten sind neben zahlreichen Kiosken und Verkaufsschaltern im Bahnhofsgebäude untergebracht. Im Vergleich zu westlichen Bahnhöfen fiel gleich auf, dass sich die Kioske beim Sortiment im Gegensatz zu solchen in Mitteleuropa offenbar nicht absprechen, denn alle bieten mit einer Mischung aus Getränken, Knabbereien und Tabakwaren nahezu das Gleiche an.
Modern ist im Bahnhof Samara nicht nur die Fassade. Die Züge werden auf großen Flachbildschirmen angezeigt, die Hallen sind hell ausgeleuchtet, es gibt Rolltreppen und der Boden besteht aus polierten, glänzenden Granitplatten. Typisch russisch wird es lediglich hinter den Pompkulissen, so auf mehreren Bahnhofstoiletten, für deren hypermodernen Ausbau wohl im letzten Moment das Geld fehlte. Auch die Bahnsteige erinnern daran, dass man sich hier 20 Zugstunden hinter Moskau befindet, mit der typischen Überbevölkerung durch Handel treibende Frauen mittleren Alters.
In den gläsernen Bahnhofsturm führt ein Lift, doch wie so oft in Russland kostet auch diese kleine Attraktion einen Obolus. Ebenso verhält es sich mit einer abgetrennten Luxus-Wartelounge mit Ledersesseln, über dessen genaues Ambiente ich deshalb nichts konkretes schreiben kann - wenn ich in Russland reise, wird auch sparsam gereist.
Nach einer Stunde Warten ertönte eine russisch-folkloristische Melodie aus den Lautsprechern. Erst rätselte ich, ob nun ein Radioprogramm zur Unterhaltung angestellt worden war, doch eine Nachfrage bei einer Einheimischen belehrte mich eines besseren. Es handelte sich um den Erkennungssong des Expresszuges von Samara nach Moskau, der immer bei dessen Ausfahrt aus dem Bahnhof gespielt wurde. Schade war ein wenig, dass ich nicht nach Moskau, sondern Richtung Ural musste und die Abfahrt meines Zuges noch in ferner Zukunft lag. Der Bahnhof in Samara - übrigens kein Kopfbahnhof, sondern mit durchlaufenden Gleisen - ist ein wichtiger Knotenpunkt der russischen Einsenbahn. Hier kreuzt die wichtige West-Ost-Trasse von Charkow in der Ukraine und Moskau zu Metropolen im Ural und Sibirien bis nach Wladiwostok am Pazifik eine Nord-Süd-Trasse entlang der Wolga in Städte wie Saratow, Togliatti und Wolgograd. tage- bis wochenlange Zugfahrten quer über die eurasische Landmasse führen hier vorbei oder nehmen ihren Ausgangspunkt.
Zwei Erkennungsmelodien des häufig verkehrenden Moskauexpresses später war nun auch mein Zug da. Vorbei an vielen herzlichen Abschiedsszenen, kaum jemand bestieg hier den Zug zu einer halbstündigen Fahrt in die Nachbarstadt, stapfte ich durch moderne, aber viel zu klein konzipierte und ständig überfüllte Fahrstühle zu meinem Waggon. Dieser Bahnhof war einen näheren Blick wert, den ich auch jedem anderen Bahnreisenden an dieser Strecke empfehlen kann.
Weblinks:
- Die Metro Samara - Artikel im Wikipedia hier klicken
- Lenin, Schach und schöne Mädchen - Wolgareise des MDR hier klicken
- Satellitenfoto Samara bei Wikimapia mit Zoomfunktion hier klicken
- Buchtipp: Flusskreuzfahrten auf der Wolga - hier klicken
(Kurzinfos und Links zu weiteren Städten der Wolgaregion finden sich HIER, Fotogallerie Samara HIER, InRussland NET-Sonderseite Samara HIER)