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Russland im TV
Vom Elend der Russland-Reportagen - Satire von Ralf Brings

Fotos (v.l.): (c) Ralf Brings, Michael König-GFDL, (c) Ralf Brings

In den Auslandreportagen, in Dokumentationen und Magazinen begegnet er uns leibhaftig und auf allen Kanälen: der Russe. Kaum ein Abend, an dem er nicht wenigstens für Minuten aus seinem Reich ewiger Finsternis emporgestiegen und ins grelle Kameralicht der Fernseh-Reportagen getaucht, seinen eisigen Atem gen Westen haucht - und unter friedliebenden deutschen Fernseh-Konsumenten Angst und Schrecken verbreitet. Ganz gleich, ob als Reality-Produkt der Privaten oder Quoten(ver)brecher Öffentlich Rechtlicher Fernseh- Anstalten, der Russe ist im gewinnträchtigen Tele-Spektakel unter den Bösewichten, Finsterlingen und Barbaren derzeit wieder die unbestrittene Nr. 1. Iwans Rückkehr fesselt Millionen vor den heimischen Empfängern. Abschalten können Sie woanders.

Es ist, wie's war: Russland: Frontland. Orte des Verbrechens sind natürlich Moskau und St. Petersburg, die gefährlichsten und sündig- sten Städte der Welt. Russlands Rest - so scheint es - besteht aus endlos-trostlosen sibirischen Weiten und kleinen Dörfern mit kleinen dicken, mal lustigen, mal betrunkenen Frauen unter bunten Kopftüchern, die geduldig darauf warten, von Gerd Ruge oder Dirk Sager interviewt zu werden: "Ist es Ihnen damals in der Sowjetunion nicht besser gegangen?". Die Idylle aber ist weit weg und trügt schon deshalb, weil die Regie auf Idylle stets Gulag folgen lässt.

Was uns die deutschen Reportagen über Russland zu sagen haben, sind nicht mehr als drei Dinge: Armut, Sex und Gewalt. In allen denkbaren und undenkbaren Spielarten flimmert die elende Sex-und-Crime-Tragödie über die Mattscheibe in deutsche Haushalte und erzählt, was ohnehin alle schon zu wissen glauben - weil sie es immer schon so und nicht anders gehört und gesehen haben.

Dafür dass das so bleibt, sorgen professionelle Erzähler, die im Ausland stationiert und doch nie von zu Hause weggekommen sind. Russland-Reporter sind meist einfallslos und erfinderisch zugleich. Sie finden immer, was sie sich zu finden vorgenommen haben. Das Drehbuch ist bereits geschrieben: in den Köpfen, zu Hause und in den Backstuben der Redaktionen - aber selten vor Ort. Also nur noch hingehen und die vorgedachten Bilder einsammeln. Und die heißen: Elend, Elend, Elend. Russlands Straßen sind voll damit - mit Säufern, Bettelkindern, jungen Nutten und alten Frauen, die im Akkord Kreuze schlagen, wenn sie nicht gerade beim Tüten verkaufen gefilmt werden. Die Straßenkinder von Moskau, die Straßenkinder von St. Petersburg, die Straßen- kinder von Wladiwostok, die Straßenkinder von Irgendwo-in- Russland ... Die endlosgnadenlose Soap mit immer gleicher Handlung schickt sich an, alle Städte Russlands zu erfassen und produziert stereotype Elendsbilder am laufenden Band. Natürlich spielt die Handlung meist im Winter, denn jedermann weiß, in Russland ist es kalt, eiskalt - und das erhöht die Elendigkeit des Elends noch um einige Grade.

(Dieser Text ist ein Auszug einer Satire über das Russlandbild im deutschen Fernsehen von Ralf Brings; die vollständige Satire und weitere Infos über Russland im deutschen TV finden Sie hier auf der Seite Der Sankt Petersburger. (c) Ralf Brigs, hier veröffentlicht mit seiner freundlichen Genehmigung; keine Veröffentlichung oder Verbreitung ohne Genehmigung des Autors.

Weblinks:

  • Der Sankt Petersburger - Herkunftsseite dieser Satire hier klicken
  • Medien in Russland im Wikipedia-Onlinelexikon hier klicken
  • Buchtipp: Träume und Alltagsleben, Erlebnisse eines Russlandjournalisten hier klicken

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