Russland im TV - Vom Elend der Russland-Reportagen Satire von Ralf Brings - Teil 5: Phrasen, Phrasen, Phrasen |
Moskau. Montagmorgen. In der Redaktionsstube vom Zweiten sitzen die
Russland-Reporter, knabbern Prjaniki (*) und Bubliki (**) und überlegen, was sie
dem Zuschauer in der Heimat noch Schönes über Russland zu erzählen
haben. Schweigen. "Alles schon da gewesen!" murrt da einer. Will denn
keinem mehr was einfallen?
Konfetki (***). Baranki (****). Petschenki (*****). Suchariki (******).
Vollmundiges Geknabber. Ratlose Gesichter. Leere Köpfe.
Und dann doch eine Idee:
"Mal sehen, was die vom Ersten machen?!"
Das deutsche Erste sendet auch 2006 seine Standard-Reise-Leier:
Wieder-durchkämmen-deutsche-Entdecker-Russland-von-West-nach-Ost-
und-erzählen-süßsauere-Geschichten, so als hätten Ruge, Bednarz und
Sager nie russischen Boden betreten.
"Kaltes Sibirien!” ... “Schönes Sibirien!” ... “Unendliches Sibirien!”
Katastrophen und "Impressionen zwischen Wodka, Balalaika und
Kalaschnikow".
Russland wie aus dem "Lehrbuch der Stereotypen". Eigleiche Berichte,
geklont,
geklaut, abgeschrieben, abgeschaut. Und Phrasen, Phrasen, Phrasen.
"Atemberaubend” faselt der Sprecher, während es aus seinem Mund
unablässig
Zahlen dampft: Minus 20, ... minus 30, ... minus 40, ...minus 50 Grad.
Geteilt durch
4.000 Russen-Kilometer + Pleiten, Pech und Autopannen. Mit Rain Man
durch
Russland sinnlos den Kältegraden hinterher jagen. Einblicke in den
TV-Autismus
von Öffentlich und Rechtlich. Gesendet wird, was gängigen Klischees und
Vorurteilen entspricht. Neue Blicke, neue Themen: Fehlanzeige. Russland
banal.
Jenseits allen Einfallsreichtums nennt das Erste seinen neuen
Reise-Mehrteiler
denn auch "Jenseits der" ... Schnitt! ... durchatmen, man wagt es kaum
auszusprechen: “ ... W-Ä-R-M-E". Da mag es einen schütteln, frösteln und
frieren, ob der Leere in den Köpfen von Fernsehmachern, die Russland wie einen
Rosenkranz runterbeten - und denen kein Schlagwort zu abgedroschen ist,
wenn sie Plagiat an Wiederholung reihen.
Russland-Reportagen - Lehrbuch der Stereotypen (Fotos (c) Ralf Brings)
"Russische Woche" im Mitteldeutschen Fernsehen. Nachtmenschen und
Nostalgiker erfreuen sich zu mitternächtlicher Stunde an sowjetischer
Filmeskunst. Bei schnödem Tageslicht betrachtet frohlockt der Sender mit dem
schrill medialen Russland-Bild der Gegenwart. Ein Programm für die ganze
Familie: Gestern RussenNazis. Heute Aids. Morgen, der Gipfel aller Grausamkeiten:
Kommunalkas.
"Kommunalkas? ... Kommunalkas? ... Da war doch was?!“ Praktikant German
Gesse, frisch fürs ZDF akkreditiert, schnappt nach dem Happen. Schon
hat er aus dem "Das-haben-die-anderen-über-Russland-geschrieben”-Stapel eine
langes Stück Papier gefischt. Die Redaktion ganz Ohr. Gesse liest:
Kommunalkas: "Jeder fünfte Petersburger ist zu einer Existenz im
Gestank von Toilette und vergammeltem Fisch, im Eintopfdunst, zwischen Kernseife und
trocknenden fremden Unterhosen verurteilt."
Klare deutsche Russland-Prosa, recherchiert mit deutschem Blick und
deutscher Spürnase. Vermag der Russe zwischen Küchen- und Toilettengestank noch zu
unterscheiden? Woraus frisst er? Worein pisst er? Zwischen Stinkefisch
und Unterhosen kapituliert auch die ZEIT vor dem Zeitgeist und beteiligt
sich am medial gepflegten Russland-Einerlei.
Gut so. So soll es sein, sagen die vom Zweiten und sind entzückt. Denn
neben üblen Gerüchen liefert der ZEIT-Bericht auch finstere Gestalten. So
vereint die Russland-WG Kinderschänder, Giftmischer, Alkoholiker, Betrüger, Diebe
und eine vor sich hin gammelnde Leiche. Typische Russen eben.
Dem ZDF-Jungmann tropft derweil der Zahn. Schon sieht er sich seinem
ZEIT-Kollegen gleich, hochnäsig-tiefschürfend-investigativ und ach so
betroffen zwischen Kernseife und Leiche journalistische Wühlarbeit leisten. Eine
Karriere nimmt ihren Lauf: Vom Petersburger Abort über den Karriereteich nach...
Aber nein. Redaktionsleiterin Britta Hilpert zieht die Stirn in Falten:
“Und? ..."
“Und? ... fragt sie barsch: "Wo sind die KA-KER-LA-KEN!?”... Betretenes
Schweigen. Die Redaktion entsetzt. Sollte Print-Kollege Jogi Voswinkel
bei seiner Aufzählung alttestamentarischer Plagen doch glatt die gemeine
deutsche Küchenschabe, der Deutschen liebstes Gruselkind, vergessen
haben? Russische Elendshütten ohne die medial taugliche, vielbeinige
Krabbelschar? Ein Fauxpas!
Undenkbar. Denkt auch Frau Hilpert. “Kommunalka ohne Kakerlaken, das
ist wie Russland ohne Winter! Wodka ohne Alkohol! Geht mir nicht über
den Sender. Schluss! Aus!”
Oha! So also sieht Fernsehmachen in der Praxis aus, denkt sich die jung-
dynamische Abteilung. Und sieht sich um die geklaute Reportage betrogen.
Doch Highlight-Hopper Gesse, schon ganz Profi, lässt nicht locker. Nun
will er zeigen, was er im Grundstudium und bei Scholl-Latour gelernt hat:
“Reportage und Vision”. Gesse laut:
“Alle mal herhören! Vielleicht ja so:"
Deutscher Spender auf Brautschau in St. Petersburg heiratet
Prostituierte, adoptiert Straßenkind. Wird dann von einem Alkoholiker mit einer Wodka-
Flasche erschlagen, dann von der Mafia beraubt, dann von einer Horde
Ren(n)tiere totgetrampelt - erfriert bei minus 150 Grad auf einer
Straße mit vielen Schlaglöchern. Wird dann am frühen Morgen von einer Horde
Plastiktütenbepakter Babuschkas aufgefunden, mit viel Borschtsch und Schtschi
wieder zum Leben erweckt. Konvertiert zum orthodoxen Glauben, wird
Mönch auf Sotschi, macht zur Buße einen Rundgang um den Baikalsee,
dann Karriere, wird Businessman, dann Oligarch und reich.
Wird wegen Steuerhinterziehung verhaftet und nach Sibirien verbannt.
Kommt durch Bestechung wieder frei, wird Polizist und gründet unter dem
Namen Vissarion mit 50 Models eine Sex- und Öko-Sekte in der Tundra.
Entsorgt Putin durch Polonium, wird Alleininhaber von Gazprom, kauft
Schalke 04, die Deutsche Bahn, die Deutsche Post, die und Deutsche Bank
- und die SPD. Wird Kanzler der zwangsvereinigten Deutschen Allparteien-
koalition (DAK) und unter dem Namen "Der große Drushba" 1. Vorsitzender
eines mit Russland wiedervereinigten Deutschgroßrussland.
Und das alles in 5 Minuten.
Pause ... Und? ... Die Redakteure blicken kurz auf, knabbern stoisch
an ihren Plätzchen. Dann winken sie ab:
"Hatten wir auch schon!"
... FORTSETZUNG FOLGT...
Erklärung für die Russisch-Unkundigen: (*) Prjaniki = Lebkuchen, (**) (****) Bubliki und Baranki = Gebäckringe, (***) Konfekti = Bonbons, (*****) Petschenki = Kekse, (******) Suchariki = Zwieback
(Dieser Text ist ein Auszug einer Satire über das Russlandbild im deutschen Fernsehen von Ralf Brings; die vollständige Satire und weitere Infos über Russland im deutschen TV finden Sie hier auf der Seite Der Sankt Petersburger. (c) Ralf Brigs, hier veröffentlicht mit seiner freundlichen Genehmigung; keine Veröffentlichung oder Verbreitung ohne Genehmigung des Autors.
Weblinks: - Der Sankt Petersburger - Herkunftsseite dieser Satire hier klicken
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