| Orenburg - Grenze der Kontinente |
(Orenburg) Dass Istanbul eine Metropole genau an der Grenze zwischen Europa und Asien ist, ist in Deutschland hinlänglich bekannt. Dass es im Ural auch noch eine weitere Großstadt mit derselben Eigenschaft gibt, hingegen weniger: Orenburg – mit fast 600.000 Einwohnern eine der bedeutensten Städte im Südural und doch in Deutschland ein Name, der kaum jemand etwas sagt.
3000 Kilometer trennen Deutschland von dieser entferntesten aller europäischen Grenzregionen des Kontinents, die zwischen asiatisch geprägten Völkern vor 400 Jahren als Außenposten der russischen Zaren mit einer Bastion am Fluß Ural befestigt wurde. Aus dieser Festung wuchs im Laufe des folgenden Jahrhunderts eine Stadt – deren Namen Orenburg übrigens nicht nur deutsch klingt, sondern auch tatsächlich aus der deutschen Sprache stammt. Ja, in der Tat von den deutschen Wörtern `Ohr´ und `Burg´, denn der Ort war im ersten Jahrhundert seiner Existenz ein Horchposten des Russischen Reiches nach Asien, bevor die Zaren ihren Einfluß in Richtung Mittelasien ausdehnten und der Ort seine Rolle als Grenzfestung am äußersten Zipfel des russischen Reiches verlor.
Die zwischenzeitlich in größerer Anzahl dort beimateten Russlanddeutschen sind jedoch kein Grund für die deutschsprachige Namensgebung Orenburgs. Erst in der stalinistischen Zeit wurden sie aus der Wolgaregion hier an den fernen Ural an die Grenze zu Kasachstan (und über diese hinaus) verschleppt. Durch Auswanderung nach Deutschland hat ihre Anzahl in den letzten Jahren stark abgenommen, aber noch immer leben alleine in der Stadt 3.800 Deutschstämmige.
Heute sind viele Bauten aus der historischen Zeit der Stadt zerstört. Vor allem zu Regierungszeiten Stalins, in der Orenburg kurzzeitig Tschkalkow hieß, wurde viel wertvolle historische Bausubstanz abgebrochen. Vor allem naturlich Kirchen (20 von bis dahin 21 vorhandenen), aber auch zahlreiche andere Gebäude aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Erst seit Beginn der 90er Jahre werden sich die Orenburger ihrer historischen Ursprünge wieder bewusst, alte Gebäude im Stadtkern langsam, aber stetig renoviert.
Dennoch gibt es einige schöne Fleckchen in der Stadt, wegen denen sich das Verweilen, etwa für Bahnreisende auf der durch die Stadt führende Hauptstrecke nach Mittelasien, für ein paar Tage auf jeden Fall lohnt. So etwa die alte, malerische und nur für Fußgänger freigegebene Uralbrücke mit einer bereits weitgehend wiederhergestellten Gebäudekulisse aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die direkt in die Hauptgeschäftsstraße ´Sowjetskaya´ mündet. Oder aber die letzte verbliebene historische Kathedrale St. Nikolai im neubyzantinischen Stil mit pompös-beeindruckender und typisch russisch-prunkvoller Innenenausstattung, die wirkt, als habe man alle Kunstwerke der 20 unter Stalin zerstörten Kirchen hier zusammengetragen. Einen kurzen Fotostop sollte man natürlich auch an dem natürlich nicht fehlenden Monument ´hier stehen Sie auf der Grenze zwischen Europa und Asien´ einlegen und auch das Museum der Stadtgeschichte bei der alten Uralbrücke ums Eck informiert umfassend über die Geschichte von Stadt und Region und ist einen Abstecher wert.
Der Ural-Fluß, der sich durch die Stadt schlängelt und sie in einen größeren europäischen und kleineren asiatischen teilt, ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Gebirge, dessen Ausläufer sich noröstlich der Stadt verlieren. Bis zu romantisch-menschenleeren Naturidyllen im sehr dünn besiedelten höheren Bergland ist es nicht weit, doch ohne ortskundige und nur über Bekannte zu beschaffende Führung ist eine Reise dorthin nicht zu empfehlen.
Eines wird man jedoch auf jeden Fall in Orenburg nicht finden: Touristen. Die Stadt ist touristisch absolut nicht erschlossen und so ist tiefes Eintauchen in das Russland abseits vom Massentourismus automatisch bei einem Besuch gewährleistet. Und darauf dürften wohl die meisten Reisenden auf dem Weg in den asiatischen Teil Russlands aus sein. Im Klaren sollte man sich aber sein, dass das auch bedeutet, dass ohne Vorab-Russlanderfahrung und ausreichende Russischkenntnisse ein Vorwärtskommen nur schwer möglich ist. Auch Hotels mit westlichem Standart und Fremdsprachenkenntnissen gibt es nur genau eines.
Dennoch sollte man ihn aber machen, diesen Abstecher nach Orenburg, wenn man auf dem Weg nach Kasachstan, anderen mittelasiatischen Staaten oder zum Abenteuer- oder Eisenbahntrip nach Sibirien in der Nähe vorbei kommt. Auf die auf ausgetretenen St. Petersburger oder Moskauer Touristenpfaden manchmal verloren gegangene echte russische Gastfreundschaft wird man hier, wo jeder Westeuropäer noch eine kleine Sensation ist, auf jeden Fall stoßen.
Weblinks: - Die Orenburgregion im Ural hier klicken
- Offizielle Seite der Stadt Orenburg hier klicken (russisch/englisch)
- Buchtipp: Die Kolonie am Süd-Ural, Leben von Aussiedlern im Südural in der Zeit Stalins - hier klicken
(Kurzinfos und Links zu weiteren Orten und Republiken der Uralregion finden sich HIER)
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