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Norilsk
Am nördlichsten, reichsten und dreckigsten in Russland und der Welt

(Norilsk) Die mit über 210.000 Einwohnern nördlichste Großstadt der Welt und die reichste Russlands - das sind zwei Superlative für die Norilsk bekannt ist. Doch die noch 300 Kilometer nördlich des Polarkreises liegende Stadt hat noch für etwas anderes traurige Berühmtheit erlangt: Als einer der am schlimmsten verschmutzten Orte des Erdballs.
Stadtbild von Norilsk in den 50ern

Die Möglichkeiten der Anreise nach Norilsk sind nicht besonders vielfältig. Ausschließlich mit dem Flugzeug ist die Stadt den größten Teil des Jahres erreichbar. Nur wenige Monate im Jahr ist auch eine Schiffspassage über den 120 km entfernten Hafen Dudinka möglich, zu dem eine Gütereisenbahn und eine Straße führt. Wenn man überhaupt anreisen darf. Denn Ausländer dürfen den Ort nur mit Genehmigung der Stadtverwaltung und des Nickelkombinats überhaupt betreten, ohne diese gibt es nicht einmal ein Flugticket. An das überregionale Fernstraßen- und Bahnnetz sind Stadt und Umgebung überhaupt nicht angeschlossen. Selbst Russen dürfen sich hier auf Dauer ohne spezielle Genehmigung der Nickelindustrie nicht aufhalten.

Das Nickelkombinat ist überhaupt Dreh- und Angelpunkt der ganzen Stadt. Vier von fünf Arbeitnehmern arbeiten in der Nickelproduktion und der Rest hängt vom Moloch mehr oder weniger direkt ab. Dieser ist, noch ein Rekord, übrigens der größte Umweltverschmutzer der Welt und färbt die Umgebung der Stadt in einheitliche Dunkelgrau- bis Schwarztöne. Auch der Nickelgeruch ist für jeden Ankömmling bereits am Flughafen spürbar und erinnert bestenfalls noch an den Kern des Ruhrgebiets zu seinen schwärzesten Zeiten.

Doch auch ohne diese Dreckschleuder wäre die Stadt wohl nie ein Touristenmagnet für Polarurlauber geworden. Die einzigen Sehenswürdigkeiten sind ein Museum mit örtlicher Fauna, eine orthodoxe Kirche und die weiter entfernten polaren Naturschutzgebiete außerhalb der selbstgemachten Abgasglocke. In der ganzen Stadt gibt es gerade mal zwei Hotels und von einem westlichen Standart sind die noch um einiges entfernt. Die bis zwanziggeschossige Architektur ist sowjetisch-hässlich und - eine Besonderheit - auf langen Stahlbetonpfeilern im Permafrostboden verankert.

Aber wer nach Norilsk kommt will nicht relaxen oder Abenteuer erleben. Des Geldes wegen harren die mehreren hunderttausend Bewohner hier in der Polarnacht und -kälte aus . Die Löhne sind wesentlich höher, als sonst wo in Russland, ja haben mehr mitteleuropäisches als russisches Niveau. Und große Bodenschatzvorkommen warten in der Umgebung noch auf ihren Abbau. Norilsk Nickel, Teil der Interros-Unternehmensgruppe, zählt zu den 10 profitabelsten Unternehmen Russlands. Neben Nickel werden vom Konzern noch zahlreiche weitere Bunt- und Edelmetalle abgebaut. So sind 35 % des weltweiten Palladiumabbaus, 25 % des weltweiten Platinabbaus, 95 % der russischen Kobalt- und 55 % der russischen Kupfergewinnung in den Händen von Norilsk Nickel. Doch ein guter Teil des hier erwirtschafteten Reichtums fließt nicht in die Gegend, sondern direkt in die Taschen der Hintermänner der hiesigen Industrie, Oligarchen in Moskau.

Dennoch ist in der Stadt selbst genug Reichtum zu holen, dass es alle Bewohner freiwillig in diese unwirtliche Gegend mit einem halben Jahr Tag und einem halben Jahr Nacht sowie neun Monaten Schneedecke zog. Das war nicht immer so. Zur Zeit der Stadtgründung Mitte der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts bis Mitte der 50er existierten hier zwei Straflager des stalinistischen Regimes mit bis zu 90.000 Häftlingen, zur damaligen Zeit die größte Bevölkerungsgruppe. So wurde die Stadt in dieser Zeit auch von internierten Architekten geplant und internierten Zwangsarbeitern gebaut. Die offiziellen Stadtrechte wurden übrigens erst gegen Ende dieser Epoche im Jahr 1953 verliehen, so dass Norilsk auch zu den jüngsten Großstädten Russlands gehört.

Die Versorgung der Stadt ist eine logistische Meisterleistung. Außer Fisch, Wasser und Wild bietet selbst die weiteste Umgebung nichts Essbares, alles muss von sehr weiter Ferne herangeschafft werden, fast wie auf einer Raumkolonie und das für über 200.000 Bewohner. Trotz dieser Umstände ist Norilsk keine reine Arbeits- und Schlafburg, sondern es gibt großstadttypische Einrichtungen wie ein Theater und eine wirtschaftliche Hochschule. Alles in allem also keine außergewöhnlich schöne oder außergewöhnlich sehenswerte, aber in jedem Fall eine außergewöhnliche Stadt, die aufgrund ihrer Extreme bei jedem Besucher tiefe Eindrücke hinterlässt.

Weblinks:

(Kurzinfos und Links zu weiteren Orten der russischen Polarregion finden sich HIER)

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