Fotos von links: (c) ISF Distribution (3x), Buch ´Russischer Wodka´ (Grafik anklicken für mehr Details)
(Moskau / Sankt Petersburg) War Wodka in Russland früher eher das alkoholische Getränk für den schmalen Geldbeutel, gibt es seit den 90er Jahren einen Trend der sich immer weiter verstärkt: Den Luxuswodka. Geld spielt offenbar keine Rolle mehr, denn immer edlere und teurere Wässerchen werden auf dem Markt präsentiert. Und was tut man nicht alles, um diese Wodkas von der Masse der „gewöhnlichen“ Spirituosen abzugrenzen: Silberetiketten, achtfache Destillation, Eiweißfilterung, handverlesener Weizen als Rohstoff und Design-Karaffen sorgen für Exklusivität.
So wird Anfang 2008 der Großbrenner Uroschaj („Parliament Vodka“) mit Hilfe seiner Agentur ISF einen Edelwodka namens 999,9 auf den deutschen Markt bringen. Edlen Sommeliers wurde er bereits im Frühling 2007 zum exklusiven Import vorgestellt. 30 Tage dauert der Herstellungsprozess laut den Presseinformationen des Distributeurs und das ist eine Menge - selbst frühere Premiumsorten waren in drei Tagen fertig. Ein 190 Meter tiefer Brunnen wird bemüht, Eiweiß zur Filtrierung herangezogen und das ganze in ein edles Fläschchen mit lasergravierter Nummer und Etikett aus Sterling-Silber abgefüllt. Natürlich wandert diese Flasche nicht einfach so in die Supermarktregale, sondern wird vorher noch in einen Schmuckflakon aus Plexiglas verpackt.
Angefangen hat der Trend zum Luxuswodka in den frühen 90er Jahren in Russland noch recht bescheiden. Die mittlerweile etwas gebeutelten traditionellen Großmarken Moskovskaya und Stolichnaya brachten Ableger für den gehobeneren Geschmack namens „Cristall“ auf den Markt. Diese wurden exklusiv in einer gleichnamigen Moskauer Destillerie hergestellt und übertrafen ihre Standardbrüder auch nach Auffassung damaliger Wodkaguides in Qualität und Geschmack. Besondere Mühe bei der Vermarktung gab man sich damals noch nicht. Die Premiumableger wurden einfach in die gleiche Flasche mit leicht anderem Etikett abgefüllt. Sehr gut taten die Premiumvarianten auch den Geldbeuteln ihrer Hersteller - denn die Gewinnmargen solcher Sorten sind trotz höherer Herstellungskosten wesentlich größer, als die von Standardwodkas.
Der Erfolg brachte russische Unternehmer wie den Geschäftsmann Tariko Roustam auf die Idee, doch gleich eine ganze Marke zu entwickeln, die für einen Premiumwodka steht und nicht nur Ableger einer Standardsorte ist. So brachte dieser 1998 den Russkij Standart auf den heimischen Markt, der gleich von Anfang an dreimal so teuer war, wie der übliche Wodka aus dem russischen Supermarktregal. Die Marke war ein Erfolg und ist heute bis in die hinterste Provinz bekannt.
So folgten weitere Premium-Marken und im Milleniumjahr 2000 war es dann soweit, das Spiel mit der Veredelung des Wässerchens noch eine Stufe weiter zu treiben. „Whitehall“ hieß der Hersteller aus Moskau, der noch eins drauf legen wollte und die Wodkaserie „Kauffman“ entwarf. Kauffman war gar nicht dafür gedacht, die teure Spitze russischer Supermarktregale zu bilden, Kauffman verfolgte ein höheres Ziel: Der Wodka für Millionäre zu werden. So wurden französische Designer angeheuert, ein schmuckes Fläschchen zu kreieren und in der Tat ist das Ergebnis französischen Edelparfüm-Flacons nicht unähnlich. Der Wodka wurde nur einmal pro Jahr in einer Destillation handverlesenen Weizens hergestellt und jahrgangsweise - wie bei einem Wein - abgefüllt. Das ausgefeilte Herstellungsverfahren wurde mit einen russischen Patent geschützt. In den exklusiven Handel (in England bei Harrod´s, in Deutschland bei KaDeWe und Dallmayr) wird der Wodka dann nur in limitierten Serien und mit Preise bis zu 150 € pro Flasche (!) gebracht.
Solch ein Angriff konnte bei den vorherigen Lieferanten des Jet-Sets nicht ohne Folgen bleiben. So brachte Roustam schnell Luxusableger seines Russkij Standart auf den Markt, die „Imperial“ und „Platinum“ heißen und ebenfalls in schnöden Supermärkten nicht mehr zu bekommen sind. Immerhin lebte das Geschäft davon, dass große Teile des russischen Establishments in Politik und Showbusiness den Russkij Standart vor laufender Kamera tranken. Und es sollte nicht mehr nur das russische Establishment sein. Auf der „New York Fashion Week“ und bei „Victoria Secret“ wurde der anglisierte “Russian Standart” massiv in Szene gesetzt. Auch in Deutschland tobt seit dem letzten Jahr eine millionenschwere Kampagne für den gar-nicht-Standardwodka mit regelmäßigen Spots zur Prime-Time. Diese zeigen aus Russland mal gar nicht Elend, Eisblocks, böse Politiker oder sibirische Weiten, sondern klingen nach Moskauer Millionärsleben - welch ein Imagewechsel. Seit Oktober 2007 ist der Russian Standart (bitte englisch aussprechen) auch in „U.K.“ und „France“ zu bekommen und wird wohl russischen Artisten ähnlich bald überall rund um den Globus präsent sein.
Kein Wunder also, dass sich der „Parliament“-Produzent für 2008 entschlossen hat, ebenfalls mit 999,9-Silberetikett auf den deutschen Markt zu treten. Als volksnahe Wohltat wird dieser Wodka aber übrigens sogar über schnöde Ketten wie „Kaufland“ zu beziehen sein. Also schärfen Sie Ihrem Butler ein, beim nächsten heimlichen Einkauf im Großmarkt die Augen nach dem Schmuckflacon aus Plexiglas offen zu halten. Die Gäste beim Diner müssen ja nicht wissen, woher die mit Eiweiß koagulierte Wohltat kommt. Prösterchen!
(Mehr zu russischem Wodka im gleichnahmigen Buch, weiteres dazu hier)
Weblinks:
- Wodka.de.tt - alles über russischen Wodka hier klicken
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