Zeuge der Vergangenheit Das Lenin-Mausoleum |
Fotos Dmitry Jasowzew-cc, Stan Shebs-gfdl
(Moskau) Als dies geschrieben wird, wird er gerade wieder einmal generalüberholt - der Leichnam des legendären Wladimir Ilytsch Lenin, der noch immer am Roten Platz im Lenin-Mausoleum besichtigt werden kann. Wenn eben nicht wegen Restaurierungsarbeiten geschlossen ist.
Ehrfurchtgebietend mutet er noch immer an - der Kristallsarg im Lenin-Mausoleum wo die neben Tut-Ench-Amun und Ötzi wohl berühmteste Leiche der Erde zu bestaunen ist. An Öffnungstagen gibt es immer wieder lange Schlangen, nicht zuletzt, weil die Mausoleumsbesichtigung zu den wenigen kostenlosen Verknügungen des Moskauer Stadtzentrums zählt. Im Dämmerlicht steigt man einige Stufen hinab und darf in andächtigem Schweigen eine Runde um den Leichnam drehen - stehen bleiben oder gar fotografieren natürlich strengstens verboten.
Hier ist noch der Hauch der alten Sowjetunion spürbar, die der greise Aufgebahrte wie kein anderer in persona repräsentierte. 100 erbeutete Nazifahnen hat die Rote Armee 1945 nach dem Sieg im Zweiten Weltkrieg dem damals schon über 20 Jahre toten Lenin zu Füßen geworfen, von der Tribüne des Mausoleums genossen Stalin und seine Nachfolger die bombastischen Militärparaden, die alljährlich zu verschiedenen Anlässen abgehalten wurden. Eben jener Stalin wurde auch neben Lenin im Mausoleum 1953 zur Ruhe gebettet. Doch der uneingeladene Besucher musste schon unter seinem Erben Chruschtschow die ja auch als ein-Mann-Quartier geplante Ruhestätte bereits einige Jahre später wieder verlassen.
Hinter den Kulissen kümmerte sich damals wie heute eine ganze Gruppe von Wissenschaftlern ausschließlich darum, Lenins Leichnam für die kommenden Jahrhunderte in lebensechtem Zustand zu erhalten. Das gelang nicht immer gleich gut und erst 2003 wurde der Körper mit Hilfe einer Wanne Speziallösung wieder mal für die nächsten Jahrzehnte fit gemacht. Verbunden sind diese große und die vielen kleinen Restaurierungen desöfteren übrigens mit einer Neueinkleidung, so dass der alte Herrscher auch im neuen Russland immer wieder in frischem Outfit zu bestaunen ist.
Nach dem Ende der Sowjetunion 1990 schien das letzte Stündchen des weltweit führenden Leichenschauhauses geschlagen zu haben. Die staatliche Finanzierung der Konservierungsaktionen wurde eingestellt und mehrmals überlegte man gerade in den 90ern, die Mumie des Führers des nun nur noch Vorgängerstaates vielleicht doch im Petersburger Familiengrab beizusetzen und modern zu lassen. Doch schon 1991 übernahm ein privater Fond die 1,1 Millionen Euro Unterhaltskosten pro Jahr und so darf Moskau auch heute noch dieses Relikt aus der Zeit der Führerschaft über die halbe Welt staunenden Touristen präsentieren.
So seien nun auch weiterhin alle weltweiten Besucher der ehrwürdigen russischen Hauptstadt aufgefordert, diesen fast letzten Wallfahrtsort des Weltkommunismus zu besichtigen. Und mögen die Worte des großen Revolutionsführer vor allem den Wissenschaftlern ein Ansporn sein, die ihn weiter vor vorzeitigem Käfer- oder Würmerfraß beschützen: "Gemeinsames, einheitliches Ziel ist die Säuberung der russischen Erde von allem Ungeziefer" - vor allem rund um den Kristallsarg.
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