Zehn Wochen waren Thomas Junker und sein Partner René Blaß im tiefsten russischen Winter mit ihren Mercedes-Jeep unterwegs von Sankt Petersburg zum sibirischen Kältepol Ojmjakon. Sie waren neugierig, wie die Menschen die extremen Temperaturen von bis zu 50 Grad minus im Alltag bewältigen. Sie erlebten traumhafte Landschaften, überbordende Gastfreundschaft und Menschen, die den alten schamanischen Traditionen verbunden sind. Hier ein Interview mit dem Filmemacher Thomas Junker.
Wie entstand die Idee zu dem Projekt "Jenseits der Wärme"?
Ich war 2002 schon einmal in Russland, da sind wir auch bis nach Jakutsk gefahren, allerdings im Sommer. Mir haben damals sehr viele Menschen erzählt, wie schön dort der Winter sein kann. Bei minus zwanzig Grad noch nicht, aber bei minus 50 Grad wäre es so richtig schön. Und das konnte ich nicht glauben. Ich wollte einfach sehen und erfahren, wie leben Menschen bei Temperaturen jenseits unseres Vorstellungsvermögens. Ich wurde einfach von der Frage getrieben: wie geht man mit diesen Temperaturen normal um.
Wie haben Sie sich speziell auf diese Reise vorbereitet?
Wir haben eineinhalb Jahre gebraucht für die Vorbereitung. Vor einem Jahr waren wir in Skandinavien am Polarkreis und hatten dort auch die gesamte Ausrüstung mit. Also, die Kamera, das Mikrofon, die Objektive, auch das Auto und haben getestet, wie die Technik auf Kälte reagiert, aber auch wie der Körper reagiert. Wir hatten allerdings nur minus dreißig, höchstens minus fünfunddreißig Grad. Das war im vorigen Januar und kurz vor Weihnachten war ich dann noch einmal in den Alpen und habe sozusagen den Feinschliff gemacht. Den Hauptteil der Vorbereitungen hat aber natürlich die journalistische Recherche eingenommen.
Sie haben dann selbst beheizbare Taschen für die Kamera genäht?
Ja, das war zum Beispiel eines der Ergebnisse unseres Skandinavien-Aufenthaltes. Das, was es im Handel gibt, funktioniert bei der Kälte nicht, und so hat meine Freundin mir dann die entsprechenden Taschen genäht.
Sie haben auf Ihrer Reise ganz verschiedene Menschen getroffen, die Sie in Ihrer Reportage dann auch beschreiben. Hatten Sie die Besuche alle vorher geplant?
Nein, etwa 60 Prozent sind geplante Geschichten, die anderen Begegnungen ergeben sich erst vor Ort. Wenn man neugierig ist, trifft man immer wieder Menschen, die entweder selbst dann zur Geschichte werden oder Tipps zu interessanten Personen geben können. Ich profitiere natürlich jetzt von den 15 Jahren, die ich weltweit unterwegs bin, weil man dann doch eine ganze Menge Leute kennt.
Gab es Momente während dieser Reise, in denen Sie ans Aufhören gedacht haben?
Nein! Erstens mal wusste ich, dass es kalt wird und zweitens müssen die Leute, die dort leben, das immer aushalten. Da muss man die Zähne zusammenbeißen und durch.
Die Menschen müssen doch aber nicht dort bleiben, sie könnten wegziehen...
Die meisten waren noch nirgendwo anders, es ist ihre Heimat und Kälte kann auch schön sein.
Wie schön ist Kälte?
Nehmen Sie einfach diese wahnsinnig schöne trockene Luft. Eine Luft, in der Sie Schneekristalle sehen. Ich habe zum Beispiel jeden Tag einen Regenbogen gesehen. Durch die Eiskristalle in der Luft bildet sich um die Sonne herum ein Regenbogen. Der ist zwar nicht so kräftig, wie bei uns der Regenbogen im Sommer vom Wasser, aber er ist wunderschön pastellfarben. Es ist ein Traum, so etwas sehen zu dürfen.
Wie ist das Atmen bei minus 50 Grad?
Schwierig. Das Beste ist, wenn man durch die Nase atmet, dass die Luft nicht zu kalt auf die Lunge kommt. Wenn Sie ein paar Mal falsch geatmet haben, bekommen Sie das ganz schnell mit. Man muss sich entsprechend warm anziehen. Wichtig ist, dass die Extremitäten gut verpackt sind. Man muss zum Beispiel wahnsinnig auf die Ohrläppchen aufpassen. Die gehören zu den ersten Sachen, die erfrieren, weil die so schwach durchblutet sind. Die werden ganz schnell steif und können dann sogar abbrechen. Mir selbst ist das fast passiert. Ich hatte beim Dreh in Nowosibirsk, wo ich auch noch sinnigerweise über eine Eisdiele gedreht habe, nicht aufgepasst und war zu lange draußen, da war mein Ohrläppchen schon steif. Aber glücklicherweise war ich ja gut vorbereitet, und wusste, was ich da tun muss.
Welche Kleidung tragen die Einheimischen, um ihre Hände und Füße zu schützen?
Die haben meist sehr viele Lagen an, also nicht "das eine Dicke". Wichtig ist die Unterwäsche. Am besten sind Stoffe, die die Feuchtigkeit nach außen transportieren, wenn man schwitzt. Dann darüber ein Hemd, und darüber einen Pullover und darüber die Jacke. Russische Frauen tragen traditionell Pelzmäntel. Russische Männer tragen selten Pelz, haben aber gelegentlich auch mal eine Pelzjacke. Auf dem Kopf trägt man bei diesen Temperaturen grundsätzlich eine Mütze, die Fell außen rum hat. Denn das schützt Augen, Nase und Mund vor dem eisigen Wind. Und man trägt natürlich auch mehrere Lagen Handschuhe.
Spielen die Kinder bei diesen Temperaturen noch draußen?
Also bei minus 30 Grad findet draußen nicht mehr so richtig viel statt.
Und dann sitzen die Menschen nur noch in ihren Häusern?
Na ja, es gibt ja Gebiete, wo es tagsüber so minus 30 bis minus 35 Grad sind, da tollen die Kinder dann schon noch rum. Aber es ist ja auch nur der Januar und der Februar so extrem. Oktober, November, Dezember gehen, und März, April, Mai sind ja dann wieder wärmere Monate. Aber wir wollten eben unbedingt im kältesten Teil des Jahres fahren, um den normalen Alltag unter diesen Umständen zu erleben.
Welche Situationen waren besonders schwierig?
Das höchste der Gefühle für Außen-Drehs sind 20 Minuten. Länger können sie da nicht draußen bleiben. Man kann ja auch die kleinen Knöpfe und Regler der Kamera nicht mit den dicken Handschuhen bedienen, hat also dementsprechend dünne Handschuhe an. Das war anstrengend. Schwierig waren auch die mehrere tausend Kilometer Winterstraßen. Das sind Straßen, die in den Permafrostboden rein geschoben werden. Die haben keinen festen Untergrund, da kann man oft nur zwischen 20 und 30 Km/h fahren. Wir haben mal bei minus 40 Grad einen Reifen wechseln müssen, das war sehr anstrengend, das hat zweieinhalb Stunden gedauert. Das Rad war richtig auf der Achse festgefroren. Da braucht man dann eine Lötlampe zum enteisen, die braucht wieder Strom.... Und das alles bei minus 40 Grad, da kommt man dann schon an seine körperlichen Grenzen.
Sie sagen, die Menschen, die "Jenseits der Wärme" leben, sind besonders herzlich…
Ja, das ist wirklich unglaublich. Egal, wo Sie hinkommen, Sie werden nie eine verschlossene Tür finden, sie werden als Fremder nie als "der Ausländer" behandelt. Die Herzlichkeit dort ist unbeschreiblich groß, auch untereinander. Ich glaube, wenn man in solchen extremen Regionen wohnt, kann man nur miteinander und nicht gegeneinander leben.
Sie haben bei ihrer Reise auch Schamanen besucht. Denen werden übersinnliche Kräfte zugeschrieben, dass sie mit Geistern und Verstorbenen in Kontakt treten können. Was haben Sie da erlebt?
Wir haben zwei Zeremonien in der Schamanenklinik miterlebt. Ich habe mit ansehen dürfen, wie sich eine Frau behandeln ließ. Die Leute glauben ja daran, und es war schon etwas besonderes, dass die Frau es geduldet hat, dass ich bei der Behandlung dabei war und wir das filmen konnten. Als wir da waren haben die Schamanen gerade ihr Neujahrsfest gefeiert. Die leben ja nach dem Mondkalender, also war das am 29. Januar. Vor diesem Fest müssen bestimmte rituelle Orte besucht und Zeremonien abgehalten werden. Da dankt man den Geistern für das vergangene Jahr und bittet um Zustimmung für das nächste Jahr. Und ich hatte immer das Gefühl, diese Menschen ruhen in sich, sind in sich zufrieden.
Sind Sie letztendlich zufrieden mit ihrer Reise?
Ich war sehr zufrieden, denn alles, was wir uns vorgenommen haben, hat geklappt. Aber am Ende müssen die Zuschauer entscheiden. Ich bin ja nur stellvertretend für die Zuschauer dort unterwegs gewesen und habe das Leben dokumentiert.
Weblinks:
- Jenseits der Wärme - offizielle Seite hier klicken
- Ojmjakon, der Kältepol, im Deutschen Wikipedia hier klicken
- DVD-Tipp: Jenseits der Wärme - demnächst hier
(Das Interview wurde geführt von MDR.de und ist hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Thomas Junker. (c) MDR/Thomas Junker Journalistenbüro, keine unerlaubte Vervielfältigung oder Verbreitung